DER NEUBAU

DES DEUTSCHEN

KREDITSYSTEMS

Eine zentrale nationalpolitische Aufgabe

Von

Dr. HEINRICH RITTERSHAUSEN

Dozent an der Universität Frankfurt a. M.

1932

VERLAG VON GEORG STILKE / BERLIN

Alle Rechte vorbehalten

LIBERTARIAN MICROFICHE PUBLISHING

1981

c/o John Zube, 35 Oxly St. or P.O. Box 52, Berrima,

NSW 2577, Australia,

(2005 address)

jzube@acenet.com.au  www.acenet.com.au/~jzube

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Druck der Meyerschen Hofbuchdruckerei, Detmold


Anmerkung von John Zube für diese digitisierte 2005 Ausgabe

Rittershausen machte viel Gebrauch vom Sperrdruck und Fettdruck. Der Fettdruck lässt sich hier leicht wiedergeben, auch grössere Buchstaben, aber der Sperrdruck würde viel extra Arbeit machen, durch Einschiebung einer leeren Spalte and würde auch zu falschen Wortabbrechungen am Ende einer Linie führen. So habe ich hier den Sperrdruck durch Italics ersetzt.             – J.Z., 24. 6. 05.


III

Motto:

"Alle öffenlichen and privaten Kreditinstitute müssen schnellstens zurückkehren

zu den absolut soliden Maximen der Vorkriegszeit"

(Dr. Brüning a, 5. XI. 31).

"Nur grundlegende Reformen des Geld- und Kreditwesens

können den Weg zur Gesundung ebnen."

(Institut für Konjunkturforschung,Vierteljahrsheft 1931,3).


VI

INHALT

            Seite

Einleitung …………………………………………………………………………………………..............                 7

I. Teil: Die Fehler des deutschen Kreditsystems     ..................................................................................             17

1. Der Verlust der Fühlung mit dem Warenumsatz; der Übergang von der Banknote zum Papiergeld   ......                      19

            a) Die klassische Kredittheorie als Grundlage des modernen Kreditsystems ....................................                   19

            b) Die schrittweise Zerstörung des klassischen Systems von 1909 bis 1931 .....................................                  34

            c) Die erste Fehlergruppe:  Die Schwäche des Umsatzkredits und des Papiergeldes in Deutschland ..                 48

2. Die Überspannung des Depositenwesens und die Illiquidität und Überlastung der Banken  .......................                  58

II Teil: Der Neubau des deutschen Kreditsystems   ........................................................................................         79

1. Umriß und Aufgaben des neuen Kreditsystems  .............................................................................................           81

            a) Der Umsatzkredit und die Wiederherstellung des Güterkreislaufs ..................................................                 81

            b) Die Entlastung der Reichsbank durch die Einführung des Schecksystems ……………………….                  85

            c) Der Anlagekredit und die Kapitalbildung  ………………………………………………………...              96

2. Eine der heutigen Großfilialbanken als Scheckbank ..................................................................................                 109

3. Der Ausschluss von Mißbräuchen und die Sicherungen des neuen Systems   ............................................                  131

4. Das Sparkassen- und Trustsystem     ..............................................................................................................          150

Schluss: Auswirkungen  ...................................................................................................................................             170

Analytische Inhaltsangabe (formerly: 181) .....................................................................................................                VII

(Hier gleich folgend!)


VII (181)

ANALYTISCHE INHALTSANGABE

                                                                                                                                                                           Seite

Einleitung

Die deutsche Wirtschaftspolitik auf dem toten Punkt            .....................................................................................        7

Die gegenwärtigen Hauptaufgaben jeder möglichen Wirt­schaftspolitik. — Ableitung der zentralen

Bedeutung des Zinssatzes. — Zinssenkung durch Konsolidierung unmög­lich geworden. — Zwangskonversion unzureichend. — All­gemeine Ratlosigkeit. — Zielsetzung dieser Schrift. —

I. Teil: Die Fehler des deutschen Kreditsystems   ............................................................................................   17

1. Der Verlust der Fühlung mit dem Warenumsatz; der Übergang von der Banknote zum Papiergeld.

            a) Die klassische Kredittheorie als Grund­lage des modernen Kreditsystems ........................................ 19

Nachprüfung der Grundlagen der erschütterten Kredit­theorie notwendig. — Unabhängigkeit vom Auslande beim einfachen Tauschverkehr. — Der Wechselverkehr. — Der Übergang zum modernen Kreditverkehr. — Die schottische Banknote als Grundlage der klassischen Notenbanktheorie. — Der gestundete Verkaufserlös als Grundform des Um­satzkredits. — Der Umsatzkredit. — Das Umsatzkredit­geschäft der Banken. — Die Einlösung der ausgegebenen Banknoten. — Der Umsatzkredit als Umtausch- oder Um­wandlungskredit. — Die Quelle des Umsatzkredits. — Elastizität und Ausschluß von Mißbräuchen. — Die Einlösbarkeit. — Festigkeit gegen den Run. — Notenbank-und Kreditverkehr nichts als verfeinerter Handelswechsel­verkehr. — Der Giroverkehr als Vollendung des klassi­schen Systems. —

            b) Die schrittweise Zerstörung des klassi­schen Systems von 1909 bis 1931  ......................................   34

Vollendung und Abstieg des klassischen Systems. — Die Verdunkelung der klassischen Bankvorstellungen durch die Funktionstrennung   zwischen  Noten-   und  Depositenbankwesen.  — Die Zentralisation des   Notenbankwesens als Markstein beim Übergang von der Banknote zum Papier­geld. — Der Untergang des klassischen Systems durch die Aufgabe der Einlösbarkeit und die Einführung des Zwangskurses. — Die Aufgabe der Einlösungspflicht und ihre Folgen. — Identität von Zwangskursregime, Zentral­bankidee und Inflationismus. — Die gegenwärtige schäd­liche Übertreibung der Zentralbankidee auch hinderlich für die

Lösung der Reparationsfrage. — Nach dem Fall der Banken noch die Zerstörung des deutschen Geld­systems durch den Übergang vom Handelswechselgeld zum Finanzwechselgeld. — Verhängnisvolle Kompensation einer Inflation des Finanzwechselgeldes mit einer Deflation des Handelswechselgeldes. — 

            c) Die erste Fehlergruppe: Die Schwäche des Umsatzkredits und des Papiergel­des in  Deutschland    48

Schlußfolgerungen. — Stillhaltung und politische Zinsüber­höhung. — Errichtung eines gesunden Kreditsystems in­mitten der Krise. — Die Schwäche des gegenwärtigen deutschen Kreditsystems. — Welches hätte in den letzten Jahren die richtige Kredit- und Reparationspolitik sein müssen? — Der natürliche Transferschutz. — Die heutige Krise als Endzustand einer jahrzehntelangen krankhaften Entwicklung. —

2. Die Überspannung des Depositenwesens und die Illiquidität und Überlastung der Banken .................          58

Die zweite Fehlergruppe: Die Überspannung des Depo­sitenwesens. — Tiefgreifende Veränderung des Depositen­wesens seit der Vorkriegszeit. — Einzig gesunde Anlage­möglichkeit für kurze Gelder. — Nachweis der lange vorhandenen Illiquidität. — Unterentwicklung des Effek­tenwesens als Spiegelbild der Überent-wicklung des Depo­sitenwesens. — Das deutsche Bankwesen als verkapptes Hypothekenbanksystem. — Restriktive Folgen des Systems der unerfüllbaren Verträge. — Versuche, die irrtümliche Bankpolitik als normales und richtiges System hinzu­stellen. — Kritik dieser Irrlehren. — Das Rückversicherungsprinzip im Bankwesen. — Widerlegung der Recht­fertigungsversuche. — Das Vorbild des französischen Banksystems. — Beispielgebende Zins- und Depositen­politik der französischen Depositengroßbanken. — Un­gesunde Überspannung des Depositenwesens auch in der Krise von 1857. — Das Notenmonopol als letzte Ursache der Überentwicklung des Depositenwesens. — Nicht neue Eingriffe in den Geld- und Kapitalmarkt, sondern Locke­rungen der vorhandenen Zwangsregelungen und Monopole sind nötig. — Abkehr vom Zwangskurs-regime bedeutet Rückkehr zu absoluter Vertragstreue. —

II. Teil: Der Neubau des deutsehen Kreditsystems .....................................................................................    79

1. Umriss und Aufgaben des neuen Kreditsystems ...........................................................................................   81

            a) Der Umsatzkredit und die Wiederherstellung des Güterkreislaufs ..................................................    81

Die Schaffung einer gesunden Zahlungsgemeinschaft.  — Beispiel des Umsatzkredits in der gesunden Zahlungs­gemeinschaft. —

             b) Das Schecksystem als Mittel zur Entlastung der Reichsbank ............................................................ 85

Freie Banknotenausgabe oder Schecksystem?  —  Das Schecksystem. — Eine geschichtliche Erfahrung. — Die Urteile eines Bankiers und eines  Gelehrten. — Verfeine­rung des Scheckverkehrs zwecks Lockerung und Ent­lastung des Notenmonopols. —

            c) Der Anlagekredit und die Kapitalbildung ..........................................................................................  96

Beispiel des langfristigen Kredits und der Kapitalbildung in der gesunden Zahlungsgemeinschaft. — Das Wesen der Kapitalbildung. — Gegenüberstellung von Konsumgüter­kreislauf und Kapitalgüterkreislauf. — Arten der Kapital­bildung. — Bei gleichbleibender Sparrate  erst Spardepo­siten, dann daraus Übergangskredit, schließlich Anlage­kredit. — Bei steigender Sparrate erst Umtauschkredit, dann Spardepositen und daraus Anlagekredit. — Die Bank bringt die Kapitalbildung aus Kostendegression in Gang. — Längere Kreditfrist bei Anlagekrediten zulässig. — Inwieweit können Prolongationszusagen  gegeben werden?  — Die  Grenzen für diese Anlagekreditgewährung. Abgrenzung gegen die schulmäßige und gegen die MacLeod-Hahnsche Kredittheorie. — Bedeutung des Filialsystems als eines Ersatzes für den Kapitalmarkt. — Die gesunde Zahlungsgemeinschaft ist der heute zu lösenden Aufgabe gewachsen.

2.) Eine der heutigen Großfilialbanken als Scheckbank ..................................................................................  109

Der Mangel einer Reservestellung hinter den Banken. — Welche der Großbanken soll ausgewählt werden? — Die Übertragung der illiquiden Debitoren auf eine Trust-Gross-bank. — Das Beispiel Mussolinis an der Banca Commerciale. — Wegweisende New Yorker Bankumschichtungen. — Die Danatbank als Trustgroßbank und Zentralanstalt für langfristigen industriellen Kredit. — Die Behandlung der Kreditoren. — Ein deutscher Credit Lyonnais. — Ab­stellung tiefsitzender  Organisationsfehler.  —  Keine Tan­tiemen mehr aus der Hand der Vertragsgegner. — Ein Brief des englischen Schatzkanzlers.  —  Eine Finanzstudienabteilung. — Ausschließ-lichkeitsverhältnis. — Besei­tigung des Sicherheitsprinzips, — Individualprinzip statt Pauschalprinzip im Kreditgeschäft. —

3.) Die Sicherungen des neuen Systems  ……………………………………………....................................... 131

Unbedingtes Festhalten am Goldstandard notwendig. — Das angebliche Fiasko der Goldwährung. — Die angeb­liche Änderung des Goldwertes. — Krise der Köpfe, nicht des Goldes. — Zentralbankleute gegen Goldwährung. — Die Begriffe "Währung" und "Zwangskurs". — Radikales Mittel gegen alle Inflations-gefahren. — Inflation ist nur bei Zwangskurs möglich. — Die Wissenschaft über die Unmöglichkeit der Inflation bei Einlösbarkeit. — Die Quantitätstheorie. — Wo liegt heute die Inflationsgefahr? — Deflation ist nur bei Notenmonopol möglich. — Die Siche­rungen der kanadischen freien Banknoten.

4.) Das Sparkassen- und Trustsystem   ………………………………………………....................................... 150

Immer wachsende Bedeutung des Anlagekredits. — Völ­lige Verschiedenheit des Anlagekredits vom Umsatzkredit. — Völlige Verschiedenheit der   Spardepositen von den Girodepositen. — Trotzdem

Bejahung der deutschen Ar­beitsvereinigung  im Bankwesen.  — Ursprünglicher Sinn der Arbeitsvereinigung. — Größtes Bankproblem dieser Generation. — Verzerrung des ursprünglichen Sinns der Arbeitsvereinigung. — Das gesunde Depositenwesen der Depositenbanken. — Das Depositenwesen der Sparkassen. — Pacta sunt servanda. — Wie hat man bisher kurz­fristige Depositen zurückgezahlt, die langfristig angelegt waren? — Das angelsächsische Prinzip als Vorbild. — Ein langbewährtes System. — Was sich hinter dem Schlag­wort "Erst Wiederherstellung des Vertrauens" verbirgt. — Entlastung der Staatskasse von Stüt-zungen. — Bejahung des Sparkassenwesens. — Neue Prinzipien der Effekten-" besteuerung. — Direkter Effektenbesitz des Publikums als die fehlende Rückversicherung des Banksystems. —

Schluß:

Gesamtüberblick und Auswirkungen des neuen Systems .................................................................................. 170

184 (X)

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EINLEITUNG

DIE DEUTSCHE WIRTSCHAFTSPOLITIK

AUF DEM TOTEN PUNKT

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            Die gegenwärtigen Hauptaufgaben der möglichen Wirtschaftspolitik.  —

Zwei Dinge sind nötig, wenn die Wirtschaft von der tödlichen Gefahr einer weiteren Schrumpfung befreit und einer gesunden Zukunft wiedergegeben werden soll: Die Banken müssen entlastet und ein niedriges Landes-zinsniveau muß hergestellt werden, Beide Forderungen hängen zusammen, denn große schwebende Devi-senverpflichtungen der Banken bedeuten nicht nur die ständige Bedrohung der Währung und verhängnisvolles Abhängigwerden der gesamten auswärtigen Politik des Reiches, sondern auch die Abhängigkeit des Landes-zinsniveaus von ausländischen Finanzeinflüssen, die auf die gesamte Wirtschaft strangulierend wirkt.

            Ableitung der zentralen Bedeutung des Zinssatzes. — Die Wichtigkeit der beiden Forde­rungen ergibt sich, sobald man mit der der Wissenschaft eigentümlichen Methode der Vereinfachung vorgeht und sich die Arbeitskräfte des ganzen Volkes gleichsam auf zwei Kolonnen verteilt denkt. Die eine davon, die etwa zwei Drittel der Bevölkerung umfaßt, ist beschäftigt, die Lebensmittel und die Konsumgüter herzustellen, die laufend gleich wieder verzehrt werden. Ein armes Land wie Indien oder Sibirien, dessen Bevölkerung fast sschließlich dieser Kolonne zugeteilt ist, wird von

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einem hohen Landeszinsniveau fast gar nicht betroffen, denn der laufende Umsatz an Konsumgütern kann zur Not auch bei hohen Zinssätzen durchgeführt werden, da in solchen Waren nur sehr wenig Zins steckt. Ein sogenanntes kapitalistisches Land aber, d.h. ein Land, dessen Bevölkerung vielleicht zu einem Drittel, wie Deutschlaend, oder zu zwei Drittel, wie die Vereinigten Staaten, der Herstellung langlebiger Güter gewidmet ist, wird durch ein dauernd hohes Zinsniveau zum Stillstand und Untergang verurteilt.

            Die zweite Kolonne der Bevölkerung, von der jetzt zu reden ist, ist durch die Arbeit der ersten von der Sorge um Nahrungsmittel usw. befreit; sie kann daher für den Zukunftsbedarf arbeiten und die langlebigen Kapitalgüter, Wohnungen und Werkzeuge usw., herstellen, von deren Vorhandensein man sein Urteil über den Reichtum eines Volkes abhängig macht. Derartige langlebige Güter werden aber meist nicht bar bezahlt, son-dern durch Anleihe oder Hypothek finanziert, also auf Abzahlung verkauft bzw. vermietet. Bei der Berechnung dieser Abzahlungsrate (Annuität) spielt der Zins aber eine fast größere Rolle als die Herstellungskosten 1). Während für den Konsumgüterkreislauf, die Lohn- und Materialkosten über Aufrechterhaltung oder Stilllegung einer Produktion entscheiden, sind es bei Ka­pitalgütern die Zinskosten, von denen die Rentabilität abhängig ist. Die Rentabilität eines Dauergutes ist also keine feststehende Größe, sondern

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1)      Z. B. bei 100 000 M. Baukosten sind bei Annuitätentilgung innerhalb von 30 Jahren jährlich für Zins und Tilgung aufzuwenden:

                                                bei   3 ½  %   Zins  RM.    5 437,13
                                                  "   10 %          "       "      10 607,92.

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sie ist eine Art reziproken Werts des Zinsniveaus, sie ist also dann hoch, wenn das Zinsniveau niedrig, und sie ist gering, wenn das Zinsniveau hoch steht. Bei 8 -15 % Zinsen, wie wir sie in Deutschland seit Jahren für langfristige Gelder bezahlen, und bei 7 -10 %, die in den Vereinigten Staaten seit Jahren bezahlt werden müssen 1), sind fast gar keine langlebigen Güter rentabel. Schon bei 5 % Zinsen würden fast alle diejenigen An­lagen rentabel sein, die jetzt als Fehlinvestionen verschrien sind, deren Erstellung man der deutschen Wirtschaft und der öffentlichen Hand zum Vorwurf macht, und bei 2 % für langfristige Gelder würde eine Periode der Überkonjunktur, mit allen ihren Ausschreitungen eintreten 2).

            Man. hat nun mit Recht gesagt: Wenn man die Wirtschaft beleben will, muß man die Kosten senken.

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1)      Das Zinsniveau für langfristige Kredite war in USA. während der letzten fünf Jahre nicht etwa niedrig, wie es der Diskontsatz und die Rendite der Staatspapiere vermuten läßt, sondern außerordentlich hoch. Die Renditeindizes der Festverzinslichen lagen bei 6 %, und 1. Hypotheken waren unter 6 - 8 % kaum zu haben, im Westen nicht unter 10 %. Vgl. einen Aufsatz: "Die Politik niedriger Zinssätze und ihre scheinbare Erfolglosigkeit in den Ver. Staaten" in der "Bank" vom 27. 1. 1932, S. 126 ff.

2)      Der Reichsbankpräsident Luther hat es als aufklärungsbedürftig bezeichnet, ob nicht die Diskont-senkungspolitik in den Ver. Staaten und in Deutschland (1930) versagt habe. Demgegenüber kann man nachweisen, daß die Verhältnisse in in Ver. Staaten gänzlich anders sind, so daß sich dort Diskontsenkungen nicht durchzusetzen vermögen, und daß die deutschen Diskontsenkungen von 1930 belastet waren von einer unerträglichen schwebenden Auslandsverschuldung, die ihr Maß beschränkte. Die französischen Erfahrungen zeigen aber, daß sich die konsolidierende Wirkung von Diskontsenkungen erst durchsetzt, wenn der Diskont unter 3 ½  % heruntergeht (vgl. wegen der Einzelheiten meinen oben zitierten Aufsatz).

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Während nun aber alle Kostenfaktoren in dem Sinne beweglich sind, daß ihre Senkung einen entsprechenden Kaufkraftausfall zur Folge hat, daß volkswirtschaftlich keine Besserung der Gesamtlage eintritt, nimmt der Zins eine total verschiedene Stellung ein, in dem seine Senkung viel mehr bewirkt, als diese bloße Verschiebung von Kaufkraft von einer Bevölkerungsgruppe auf die andere. Der Zins ist nämlich das einzige volkswirtschaftliche Werkzeug, das auf die beiden Hauptkolonnen der Bevölkerung, die Konsumgüter- und die Kapitalgüter-produktion, in verschiedener Weise wirkt; das erlaubt, diese anzukurbeln, ohne die anderen gleichzeitig zu strangulieren 1). Mit der Senkung des Zinsniveaus stufenweise um je ein Prozent kann man jeweils ganze Industrien, die stillagen, wieder in Gang setzen und mit seiner Erhöhung sie wieder zum Stehen bringen, indem an ihre Rentabilität wiederherstellt bzw. vernichtet. Sind in einer Wirtschaft Arbeitskräfte und Konsumgüter überreichlich vorhanden, wie heute in allen großen Industriestaaten, und können beide nicht produktiv zusam-mengebracht werden, indem rentable Anlagemöglichkeiten fehlen, so braucht man keineswegs einen großen und zerstörenden Abbau ins Werk zu setzen, der uns in letzter Konsequenz zu indischen oder sibirischen Zu-ständen zurückbringen müßte 2), sondern

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1)      Diese Bedeutung des Zinses ist so wichtig, daß erst durch die volkswirtschaftliche Unterscheidung zwischen den Konsumgüter- und den Kapitalgüterindustrien ihre eigentliche Rechtfertigung erhält.

2)      Über die Wirtschaftspolitik des Reichskanzlers Brüning meinen Aufsatz in der Europäischen Revue, Nov. 1931.

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man muß vielmehr das Zinsniveau so einrichten, daß der natürliche Ausgleich wiederhergestellt wird, der durch die Abhängigkeit des Geld- und Kapitalmarkts vom Auslande gestört war, damit soviel Produktionen lang-lebiger Güter wieder rentabel werden, wie nötig sind, um die brachliegenden Arbeitskräfte und Konsumgüter wieder zusammenzubringen, deren scheinbare Unverwendbarkeit eine Schande für die abend­ländische Kultur darstellt. Hätten wir heute wieder ein Zinsniveau von 4 % für 1. Hypotheken, wie vor dem Kriege, so wären Häuser und andere Dauergüter mit einem Schlage rentabel. Sie würden wieder gebaut werden, und durch solche Arbeitsbeschaffung würden Mieter sich finden und der Absatz auch für die Konsumgüter wieder da sein, der heute fehlt. (jz1)

            Zinssenkung durch Konsolidierung unmöglich geworden. — In meiner Bröschüre "Am Tage nach dem Zusammenbruch", die schon im Juni, also vor dem 13. Juli 1931, geschrieben ist, habe ich den Vorschlag gemacht, diese not­wendige Entlastung des Banksystems und diese vordringliche Befreiung des deutschen Zinsniveaus durch eine große Konsolidierungsaktion zu erreichen. Es sollten auf den ausländischen Märkten deutsche Staats-, Städte- und Industrieanleihen auf­gelegt werden, an deren Absatz die ausländischen Banken interessiert sein mußten, da sie anders zu befürchten hatten, Milliardenverluste an ihren deut­schen Guthaben zu erleiden. Der Absatz dieser Papiere sollte von uns aus durch eine großzügige Lö­sung des Farmerproblems in den amerikanischen Weststaaten in Verbindung mit einer Umstellung unserer Agrarpolitik  psychologisch vor-bereitet werden

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und so frühzeitig geschehen, daß man der kreditzerstörenden Wirkung grosser deutscher Zahlungseinstellungen zuvorkam. Durch diese Umschuldungs- und Konsolidierungsaktion sollte zugleich eine solche Ent­lastung der Bankbilanzen und öffentlichen Haushalte herbeigeführt werden, daß die sonst unvermeidlichen Zahlungsein-stellungen noch in letzter Stunde vermieden wurden. Dieser letzte Ruf ist zu spät gekommen; sein Ertönen wurde schon beg­leitet von dem Krachen des deutschen Kreditsystems, das wir am 13. Juli dann wirklich erlebten.

            Inzwischen hat sich die Lage soweit verschlechtert, daß an eine Konsolidierungs- und Befreiungsaktion auf dem Wege der Umwandlung kurzfristiger Leihgelder in langfristige, unkündbare Anleihen im Ernst nicht mehr gedacht werden kann. Leider ist die Mehrzahl unserer politischen und wirtschaftlichen Führer so rück-ständig, daß man endlich von Oktober 1931 an (nachdem die damals skizzierten Gedanken Gemeingut gewor-den waren) von überall her diese Konsolidierung als neues und letztes Mittel vorgeschlagen hat, sei es nun in Form von Anleihen, von Goldzertifikaten und anderen Emissionen. Es kann gar nicht genug betont werden, daß Leute, die solchermaßen um Monate hinter den Ereignissen herlaufen, nicht als vorangehende "Führer" betrach-tet werden können. Es ist heute auf Jahre hinaus Zeitvergeudung, von derartigen Emissionen zu sprechen, die in Frankreich und in Amerika sicher keinen einzigen Käufer finden würden.

            Zwangskonversion unzureichend. Angesichts der Unmöglichkeit, im Auslande Konversions-

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anleihen unterzubringen, die unser Zinsniveau befreien könnten, hat man nun in Deutschland am 8. Dezember eine Zwangskonversion der Zinssätze gesetzlich durchgeführt. Dieser 4. Notverordnung kommt ein großer Wert deshalb zu, weil sie nicht weltfremd dekrediert, sondern das Volk in gesunder Weise in die Lage versetzt, seine wirtschaftspolitischen Erfahrungen zu machen. Sie nimmt eine populäre Verwirklichung des wichtigsten Hitler-schen Programmpunktes vorweg und bringt eine erhebliche Entlastung. Sie ermöglicht den praktischen und unwiderleglichen Beweis, daß so wohl Lasten richtiger verteilt, nie aber die Wirtschaft angekurbelt werden kann. Indem sie den Abschluß der Deflationspolitik darstellt, fordert sie selbst Maßnahmen, durch welche der automatisch weitergehende Schrumpfungsprozeß aufgefangen werden kann. Sie macht zu­gleich die Zeit reif für die weitergehende autonome Zinssenkung, von der nun in der Öffentlichkeit mehr und mehr gesprochen werden wird: die radikale Zinssenkung auch für neue Kredite durch Schaffung eines neuen, gesunden Kreditsystems, das keinem ausländischen Diktat und keinem Notenbankmonopol mehr unterliegt, sondern gezwungen ist, nach Maßgabe der gesunden Rentabilitäts- und Angebotsverhältnisse zu rechnen.

            Allgemeine Ratlosigkeit. — Die Befreiung der Banken und des Zinssatzes durch eine Konsolidierungs-aktion ist also nicht mehr möglich, und die Zwangskonversion ist unzulänglich, weil sie kein billiges Angebot an neuen Umsatz- und Anlagekrediten hervorzubringen vermag, solange die Lage er Reichsbank nicht besser wird.  Der Stand der

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Stillhalte- und Reparationsverhandlungen eröffnet aber keinerlei Aussichten auf eine wirksame und dauerhafte Entlastung der Reichsbank, ja sie kann derartige Aussichten für den Realpolitiker nicht eröffnen, weil die an-deren Länder einer ebenso schlechten Lage sind bzw. keine genügend altruistische Bevölkerung besitzen, die ihr Geld aufs Spiel setzen möchte, um den geschätzten Deutschen zu helfen. Daß man bei den heutigen außer-ordentlichen Zinssätzen das deutsche Wirtschaftsleben nicht wieder Gang setzen kann, steht für jedermann fest; daß man mit kranken und überlasteten Banken nicht gesund wirtschaften kann, ebenfalls. Die bisherigen Mittel zur Befreiung und Entlastung des Kreditsystems haben sich als unzulänglich erwiesen. Sonach ist es nicht zu verwundern, wenn die deutsche Wirtschaftspolitik nunmehr auf einen toten Punkt gekommen zu sein scheint. Weitere Mittel, die unbedingt notwendige Entlastung des Kreditsystems und Befreiung des Zinsniveaus zu erreichen, damit die hungernden Millionen von Menschen und die verderbenden Gütermassen nutzbringend zusammengebracht werden könnten, sind scheinbar nicht vorhanden. Alle Methoden sind erschöpft, Ratlosig-keit greift Platz. Nur grauer Pessimismus scheint für die verantwortlichen Persönlichkeiten übrig zu sein, nur dunkler Drang zum Extremismus und zu steinzeitlichen Wirt­schaftsformen dem Volke offenzustehen.

            Zielsetzung dieser Schrift. — In solcher Lage will diese kleine Schrift den Versuch machen, mit den letzten Mitteln der Kreditwissenschaft einen neuen und festen Weg anzugeben, der schon früher erprobt, gegen-wärtig in Vergessenheit geraten zu sein

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scheint, der dem Unsinn unserer Lage ein Ende macht, der die gefesselten ungeheuren Kräfte der Privatwirt-schaft freigibt, der mit den Mitteln des exakten Denkens zur befreienden Tat führen und zur Erlösung des politisch-wirtschaftlichen Geschehens aus einer untragbaren, unnationalen Zwangsläufig­keit beitragen soll.

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            (16: leer. 17: nur die folgende Überschrift. 18: leer.)


ERSTER TEIL

DIE FEHLER

DES DEUTSCHEN KREDITSYSTEMS

1. DER VERLUST DER FÜHLUNG MIT DEM WARENUMSATZ.

DER ÜBERGANG VON DER BANKNOTE ZUM PAPIERGELD

a) Die klassische Kredittheorie als Grundlage des modernen Kreditsystems

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            Nachprüfung der Grundlagen der erschütterten Kreditthorie notwendig. — Man kann einem großen Teile der herrschenden Wirt­chaftswissenschaft den Vorwurf nicht ersparen, daß sie zu sehr durch die Ideologie und zu wenig durch eine wahrhaft pragmatische Betrachtung der Wirkl­ichkeit bestimmt worden ist. Sonst hätte es nicht geschehen können, daß die heutige monetäre Krisentheorie fast ausnahmslos eine Erscheinungsform des Geldes zugrunde legt, die vor dem Kriege in fast allen Ländern als anormal und krankhaft galt, die zwar der ideologischen Gestaltungskraft einen fast unermeßlichen Spielraum gewährt, die wirtschaftliche Gestaltungs-kraft des Bankiers und Gesetzgebers aber zu Mißwirtschaft und Notmaßnahmen zwingt: Das mit gesetzlicher Zahlkraft ausgestattete, meist uneinlösbare Zwangskursgeld. Vielleicht wird diese Papiergeldtheorie wieder auf den geringen Raum zurückgeführt werden müssen, der ihr vor 1914 beigemessen wurde, und vielleicht wird die einlösbare Banknote, (? - J.Z.) die das Fundament des ruhmreichen deutschen Banksystems der Vorkriegszeit war, wieder rehabilitiert werden müssen, wenn nicht mehr Literaturen, sondern Güter abgesetzt werden sollen, wie das die Gegenwart erfordert.  Für diese (jz2)

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weitgehenden Voraussagen werden wir den Beweis anzutreten haben; wir werden verständlicherweise nicht mit begrifflichen Deduktionen, sondern mit der Entwicklung der modernen Großkreditwirtschaft aus den Prinzipien des einfachen Tauschverkehrs beginnen, die so kurz gefaßt sein soll, daß der Leser in die Behandlung der bren-nenden Fragen der Gegenwart nur um wenige Seiten verzögert eintreten wird.

            Unabhängigkeit vom Auslande beim einfachen Tauschverkehr. — Versuchen wir noch einmal, uns das wirtschaftliche Leben eines Landes an dem instruktiven Beispiel der Wirtschaft auf einer kleinen Insel zu verdeutlichen. Jedermann produziert und jedermann tauscht seine Güter gegen die Produkte der anderen Pro-duzenten aus, deren er jedarf. Der nötige Import wird durch den Export bezahlt. Als Tauschmittel im weitesten Sinne sind hierfür Transportmittel und Geld nötig. Es ist klar, daß bei der Abstraktion auf so einfache Verhält-nisse keinerlei ausländische Einflüsse diesen Transport- und Zahlungsvorgang stören können. Daß ausländi-sche Verkehrsstörungen den inländischen Eisenbahnfrachtverkehr behindern könnten, ist kaum vorzustellen; es ist z.B. nicht einzusehen, wieso Mißstände im Güterverkehr, etwa Englands, den Transport von Stückgut auf der Strecke Gotha - Leipzig behindern sollten. Sollte ein mangelhafter Wagenrücklauf aus dem Auslande daran schuld sein, so wüßte man jedenfalls sofort, wie man dem Übel beikommen könnte: Man müßte neue Wagen bauen. In der gegen­wärtigen Wirtschaftskrise sehen wir nun den eigen­artigen Vorgang, daß ausländische Einflüsse, z. B. die schwebende Devisenverschuldung und die damit ver-

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bundene Zinstreiberei, in stärkster Weise die inländischen Geld- und Kreditverhältnisse stören, ohne daß wir die Mittel zu haben scheinen, den Schwierigk­eiten beizukommen. Wie ist es möglich, dass der Frachtverkehr eines Landes sich ungestört vom Auslande abwickeln kann, daß aber der Geldverkehr so empfindlich ist? Meinem von Böhm-Bawerk beeinflußten Inselbeispiel in der Broschüre "Am Tage nach dem Zusammenbruch" hat man entgegengehalten, dass der moderne Kredit- und Zahlungsverkehr eben zu kompliziert sei, um so ein-fachen Grundsätzen noch zu gehorchen. Allerdings sehen wir auf allen Gebieten des Lebens mit wachs­ender Technik eine wachsende Komplizierung der Probleme; wir sehen aber nie, dass dadurch die Grundfragen verändert werden. Grundsätzlich müßte offenbar der Austausch ungehindert vom Auslande jederzeit möglich sein; wenn das nicht der Fall it, wird man viel eher vermuten müssen, daß das Geldwesen falsch organisiert ist, als annehmen, dass die rein quantitative Veränderung der Dinge, die heute nicht mehr selten und einfach, son-ern massenhaft und arbeitsteilig sind, einen so primitiven und unleugbaren Grundsatz außer Kraft gesetzt haben könnten.

            Der Wechselverkehr. — Wie kann man sich den Geld- und Kreditverkehr unter so einfachen Verhält-nissen am besten erklären?

Wir brauchen nur anzunehmen, daß man zuerst alles mit Wechseln zahlte: Durch den Verkauf meines Produkts erwarb ich eine Kaufpreisforderung, ein Guthaben in Geld. Dieses so erworbene Guthaben ist hier wie in der modernen Wirtschaft das natürliche Zahlungsmittel des Einzel-

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menschen, das grundsätzlich überall ausreicht: Wenn ich selbst meinen Bedarf bei verschiedenen Lieferanten einkaufe, so brauche ich den Lieferanten nur Wechsel zu geben, in denen ich ihnen diese Forderung abtrete. Diese Lieferanten wiederum können das nun ihnen gehörende Guthaben benutzen, um das zu bezahlen, was sie gekauft hatten. Stellte man diese Wechsel auf den wichtigsten jährlichen Messetag, so brauchte man bei Fällig-keit nur alle diese Wechsel zu kompensieren, genau so, wie dies heute an den Liquidationstagen an der Börse geschieht, um den ganzen Zahlungsverkehr bewältigt zu haben. Hatten einzelne Kaufleute mehr gekauft, als sie selbst für ihre eigenen Produkte erlöst hatten, so mußte dieser kleine Spitzenbetrag in bar, z.B. in Silbertalern, ausgeglichen werden, was meist keine Schwierigkeiten bereitete. Es ist klar, daß dieser Zahlungsverkehr, der jahrhundertelang bestanden hat, durch ausländische Einflüsse nicht gestört werden konnte, es sei denn, daß Mangel an Papier und Tinte eintrat, die etwa importiert wurden.

            Der Übergang zum modernen Kreditverkehr. — Diese Wirtschaftsform setzte voraus, daß jedermann, der dieser Zahlungsgemeinschaft angeschlossen war, den anderen Mitgliedern bekannt war und daher ein gewisses Maß von Kredit hatte. Diese Grundbedingung kam geschichtlich mit der Abschaffung der Zünfte ins Wanken. Ein namenloses Proletariat von Tage- und Wochenlohnempfängern entstand, das noch dazu nicht mehr den Hauptteil seines Einkommens in freier Station beim Meister und einer einmaligen Zahlung am Meß-tage im Jahre fand, sondern mehr und mehr wöchentlichen Barlohn erhielt, der damals

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nicht aufzutreiben war. Diesen Aufgaben war das alte System nicht mehr gewachsen: Die Wechsel lauteten meist über große und unrunde Beträge und waren unteilbar, sie waren für Lohnzahlungen also unverwendbar.

            Die schottische Banknote als Grund­ige der klassischen Notenbanktheorie. - Da waren es von 1695 an die schottischen Notenbanken, die die Banknote schufen und den modernen Geld- und Kreditverkehr begrün-deten: Sie tauschten die ungeraden und über zu große Beträge lautenden Wechsel in typisiert, sagen wir über 10, 20, 50, 100 M. lautende Stücke um und gaben ihre eigene Unterschrift dazu, um das Kreditrisiko auszu-schalten. Derartige Banknoten waren sozusagen "zerhackte Wechsel"; sie dürfen nicht verwechselt werden mit den Noten der Bank von England, die aus den Depotscheinen der Goldschmiede hervorgegangen sind und unter der Peelschen Bankakte bis heute noch den Charakter von Golddepotscheinen nicht ganz abgestreift haben. Wenn das Aufkommen des modernen Fabriksystems den Kreislauf der Zahlungsmittel (der Wechsel) an der Stelle unterbrochen hatte, wo er Fabrikant die vereinnahmten Zahlungsmittel an seine anonyme Arbeiterschaft als Lohn weitergeben wollte, so war der Kreislauf durch diese Erfindung wieder geschlossen: die Bank tauschte an dieser Stelle die unhandlichen Wechsel in handlichere und garantierte Stücke um, die dann den Kreislauf fortsetzten.

            Wir brauchen jetzt nur noch drei Komplik­ationen einzufügen: den Umsatzkredit, den Giroverkehr und die Monopolisierung des

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Notenbankwesens, um schon inmitten des modernen Geld- und Kreditsystems zu stehen, um endgültig beurtei-len zu können, wie der Auslandskredit es macht, daß er den inländischen Zahlungsverkehr, den Austausch der Güter in Deutsch­land lahmgelegt, wie es also möglich ist, daß die Arbeitlosen nicht das herstellen dür­fen, was sie verzehren möchten, und wa­rum die Arbeiter nicht in die Lage gesetzt werden können, das zu verzehren, was sie hergestellt haben, bloss weil im Ausland sich bestimmte Vorgänge abspielen.

            Der gestundete Verkaufserlös als Grundlage des Umsatzkredits. — Betrachten wir zuerst noch etwas näher, wie die schottischen Banknoten in Verkehr kommen, und, was beinahe noch wichtiger ist, wie sie wieder aus dem Verkehr zurückkommen. Der Fabri­kant, der das Wechselmaterial liefert, verkauft fast immer auf Ziel, der von ihm belieferte Großhändler gibt das Ziel weiter an den Detaillisten und ermöglicht dadurch die volks-wirtschaftlich unentbehrlich gewordene Lagerhaltung beim Einzelhandel, ohne die eine Auswahl der Kund-schaft unter den im Detail angebotenen Waren und eine kontinuierliche Belieferung nicht möglich wäre. Während der Fabri­kant also bei dem angenommenen Schema nur Wech­sel hereinbekommt, die etwa in zwei Monaten fällig werden, muß er die auf dieselben Produkte entfallenden Lohngelder an seine Arbeiter sofort auszahlen. Auch diese Zeitdifferenz überbrückt die schottische Notenbank: sie gibt an Stelle der später fälligen Wechsel sofort fällige und leistet mit dieser "Diskontierung" einen weiteren

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höchst wertvollen Dienst, der zu der "Typisierung" und "Versicherung" hinzutritt, von denen bereits die Rede war.

            Der Umsatzkredit. — Die Bank, die die Kundenwechsel des Fabrikanten diskontiert, die also ein unbequemes Zahlungsmittel in ein bequemes umtauscht, gibt Kredit, da sie zugleich diskontiert, d.h. für noch nicht fällige Papiere solche gibt, die sofort fällig sind. Sie gibt den Kredit nur in ihren eigenen Banknoten.

            Dieser Kredit ist reiner Waren- oder Umsatzkredit, indem er nicht der Spekulation oder sonstigen Zwecken, sondern allein dem Warenverkauf auf Ziel, also der Überbrückung der Verfrachtungs- und Ver-kaufzeit dient.

            Das Umsatzkreditgeschäft der Banken. — Im Umlauf stellen die so in Verkehr gekommenen Bank-noten den Gegenwert der vom Fabrikanten verkauften, aber noch nicht in die Hand des letzten Verbrauchers übergegangenen Produktion dar: Wenn der Fabrikant für 100 000 M. Ware verkaufte und dementsprechend für 100 000 M. Wechsel diskontierte und daraus Löhne im Betrage von 100 000 Mark bezahlte 1), so müssen diese 100 000 M. Lohngelder bis zu dem Tage im Verkehr bleiben, an dem sich die Lohnempfänger zu Einkäufen in den Läden entschließen. Ebensolange bleiben natürlich auch die Fabrikate ungekauft vom letzten Verbraucher. An diesem Tage endet der Weg der Ware und beginnt der Rückfluß der Noten: Die

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1)      Vereinfacht aus der klassischen Gleichung (vgl. in der neueren Literatur F. Schmidt und die Produktions-erlös-Einkommensgleichung in meinem Buche "Arbeitslosigkeit und Kapitalbildung", 1930).

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Ladenbesitzer verwenden die vereinnahmten Bank­toten am nächsten Tage, um die Grossisten zu bezahlen, von denen sie die Ware erhalten haben, und die Grossisten bezahlen aus diesen Eingängen die Fabrikanten, die damit ihren Kredit bei der Bank zurückzahlen. Die Umlaufsperiode der verkauf­en Güter beginnt also ungefähr dann, wenn die entsprechenden Löhne ausgezahlt werden, und sie endet durch Übergang der Güter in die Hand des letzten Verbrauchers gerade dann, wenn die in den Taschen der Lohnempfänger befindlichen Noten ver-ausgabt werden und ihren Rückfluß antreten. Umlaufsdauer der Waren, Dauer der Warenkredite bzw. Umlaufs-dauer der Warenwechsel und Umlaufsdauer der Banknoten muß demnach in dem klassischen Bankideal unge-fähr gleich gewesen sein. Durch diese Zusammenlegung des Entstehungsakts der Ware mit dem Entstehungsakt des Geldes, und des Endes der Ware mit dem Ende des Geldumlaufs, die in Deutschland seit Adam Müller besonders von Ben­ixen und Elster gefordert worden und durch die Praxis der Reichsbank bis 1914 verwirklicht gewesen ist, ist eine viel genauere quantitative Regelung des Geldumlaufs, aber auch ein viel sicherer Aus-schluß ungeeigneter Kreditbedürfnisse gewährleistet, als die Currency-Theorie und die Preisniveaupolitik, besonders nach den vernichtenden Erfahrungen der letzten Jahre, jemals bieten können 1).

            Aufgabe einer solchen Bank ist es daher, den Wechselkredit auf gerade soviel Tage

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1)      Leider hat insbesondere Bendixen diese Lehre mit dem Zwangskurs und mit einem Kampfe gegen die Quantitätstheorie verknüpft, obwohl doch nur eine Verfeinerung der Quantitätstheorie vorliegt; wodurch er eine so richtige Grundvorstellung unnötigerweise den schwersten Vorwürfen aussetzte.

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zu gewähren, als dieser Aufenthalt der Noten in den Taschen der Lohnempfänger (der durch die Verteilung der Haushaltsausgaben über die ganze Lohnperiode bedingt ist) zu dauern pflegt, verlängert um die Dauer des Rückflusses der Noten vom Ladenbesitzer bis zur Bank. Verspürt dann der Grossist oder eines der anderen Glieder der Kette die Neigung, das erhaltene Geld zwischendurch zu investieren, so wird er durch das Fällig-werden der Summen daran verhindert, den schnellen Rückfluß der Noten zu hemmen. Viele heutige Bankdirek-toren werden allerdings nicht zugeben wollen, daß auch heute die Tätigkeit einer Kreditbank kaum anders auszusehen hat, wie sich gleich erweisen wird, denn damit würden sie eingestehen, daß ihre eigene bisherige Betätigung im Aktienpakethandel, im Großkreditgeschäft und andern "Transaktionen" nicht die Bedeutung hat, die man ihr gern zuschreiben möchte.

            Die Einlösung der ausgegebenen Banknoten. — Mit welchen Mitteln löst diese ideale Umsatzkredit-bank also ihre Banknoten ein? Nicht durch Bereithaltung eines Goldschatzes, wie die Goldschmiedebank, die Golddepotscheine ausgibt, in der spekulativen Hoffnung, die Inhaber möchten die Noten recht lange behalten (Bank von England), — sondern einfach durch eine Art Einziehung unter Rückgabe der hereingenommenen Wechsel. Die Kredite sind auf diejenige Frist gewährt worden, die der Laufzeit der Waren vom Fabriktor bis in die Hand des letzten Verbrauchers enspricht. Sie werden fällig, die Fabrikanten sind zur Rückzahlung bereit und gezwungen (weil sie Eingänge  haben und die Diskontwechsel einlösen

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müssen), und die Bank tut nun nichts anderes, als daß sie den erst erfolgten Umtausch wieder rück­gängig macht: Gegen Rückreichung der Banknoten gibt sie die nun bezahlten Wechselformulare heraus, sie tauscht die Noten in Wechsel um, nachdem sie früher die Wechsel in Noten umgetauscht  hatte. (jz3)

            Der Notenkredit als Umtausch- oder Umwandlungskredit. — Nach dem bewunderungswürdigen klas-sischen Schema ist also der Umsatzkredit nur ein Umtausch- oder Umwandlungskredit, indem unbequeme Zahlungsmittel in bequeme, oder Kaufpreisforderungen in Forderungen gegen eine Bank umgewandelt werden. Alle die Störungen, unter denen unser heutiges Kreditsystem leidet, kön­nen dabei nicht auftreten, indem die Diskont- oder Umtauschkredite, um es noch einmal zu sagen, auf soviele Tage gewährt werden, als die Ware vom Verkauf ab Fabrik bis in die Hand des letzten Ver­brauchers läuft. Diese Frist stimmt überein mit der Anzahl der Tage, für die die Lohnempfänger die Banknoten bei sich behalten müssen, um die ganze Gehalts-periode hindurch Zahlungsmittel zu haben.

            Die Quelle des Umsatzkredits. — Es ist also die Gesamtheit der Noteninhaber, die den ganzen Waren-umsatz vom Erzeuger bis zum Ver­braucher finanziert. Die Gesamtheit der Noteninhaber hat stets soviel Kauf-kraft, wie auf der Achse und auf Engros- und Detaillagern an Ware vorhanden ist; durch das Halten der Noten geben die Notenbesitzer den Banken soviel Kredit, wie zur Finazierung eben dieser Durchgangsvorräte erfor-derlich ist; mit der Verausgabung von je 100 M. Noten durch die Inhaber in den Läden scheidet für je

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100 M. Ware als bezahlt aus der Finanzierung aus, wird entsprechend der Notenumlauf vermindert, wird schließlich der Kredit an die Bank und von der Bank um 100 M. gesenkt.

Man finanziert also den Güterumsatz aus einer in Betrag und Laufzeit adäquaten und hinsichtlich der Ergiebigkeit zwangsläufig korrelaten Quelle.

            Elastizität and Ausschluß von Mißbräuchen. — Stets wird soviel Geld geschaffen, wie Waren produ-ziert (1) werden, und stets wird soviel Geld aus dem Verkehr gezogen, wie Waren konsumiert werden. Nie kann hier Mangel oder Überfluß an Umsatzkredit herrschen, weil steigende Verkäufe der Fabriken auch zu-sätzliches Wechselmaterial und zusätzliche Banknotenbestände in den Taschen der zusätzlich eingestellten Arbeitskräfte während der Lohnperiode hervorbringen, und umgekehrt, solange keine schweren technischen Fehler gemacht werden.

Deflation ist bei diesem System nicht möglich, weil sich die Banken gegenseitig den Rang ablaufen werden, um die sehr beschränkt vorhandenen echten Warenwechselforderungen (2) zu bevorschussen, so dass die Zinssätze für gesunde Kredite die einfachen Manipulationskosten der Banken nicht erheblich übersteigen können. Eine

Übertreibung ist gleichfalls trotz Mangels der Metalldeckung nicht möglich, denn an dem Tage, an dem die Noten zurückkommen, geht auch der bevorschußte Erlös der Ware bei der Bank ein. Die Noten werden der Bank an diesem Tage von solchen Leuten zurückgebracht, die derartige gerade fällige Kredite zurückzahlen wollen. Die Noten werden zurückgetauscht, wie die Pfandbriefe der Hypothekenbanken auf Umlaufkonto belastet werden, die von Hypothekenschuldnern zu Tilgungszwecken in natura eingereicht werden. Nur

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Kreditumwandlung, keine Kreditschöp­fung liegt vor, wie ja auch die Hypothekenbanken zur Veranstaltung einer Inflation nicht fähig sind, wenn sie nichts weiter tun, als schwer fungible Hypotheken in leicht fungible Pfandbriefe umzuwandeln, also einer vorhandenen Forderung eine bessere Form zu geben. Jeder Mißbrauch, jeder Schritt weiter ist Inflation. Neben der Kreditumwandlung gibt es nur die Kreditschöpfung, die immer Inflation ist. Nur die abso­lute Beschränkung auf die Umwandlung schließt die Inflation aus.

            Der Ausschluß der Inflationsgefahr durch die Einlösbarkeit.— Diese Beschrän­kung auf die Kreditum-wandlung wäre nun in der Praxis eine ganz unzulängliche Sicherungsmaßnahme, wenn sie nur ein geistiges Prinzip wäre, dessen Befolgung der Gutwilligkeit der Bankiers anheimgestellt wäre. (jz4) Das klassische System des schottischen Notenbankwesens kennt die Gebrechlichkeit des menschlichen Willens sehr wohl und unterscheidet sich dadurch von allen andern Systemen, daß es die Inflation durch eine organi-satorische Maßnahme technisch ausschließt: durch die Einlösungspflicht der Bank. Eine In­flation dieser Zah-lungsmittel ist unmöglich, wie eine jahrhundertelange Erfahrung in allen Ländern be­wiesen hat, weil diese Art Banknoten niemals Zwangskurs haben, ja nicht einmal gesetzliches Zahlungsmittel mit Zwangskurs sein dürfen, denn mit dieser "Erhebung" oder vielmehr "Verböserung" hören sie auf, eigentliche Banknoten zu sein und werden zum uneinlösbaren Papiergeld. Inflation ist — diese wissenschaftliche Erkenntnis ist zwar in   Vergessenheit geraten, aber wohl

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noch nie ernstlich bestritten worden — überhaupt nur bei Zwangskurs möglich, nicht bei in Landeswährung einlösbaren Banknoten. Sobald die Bank zuviel echte (jz5) Banknoten ausgibt, d.h. sobald sie andere als Kaufpreisforderungen des Warenverkehrs bevorschußt oder längere Kredit­fristen gewährt, kann sie die Noten nicht mehr durch Rücktausch einlösen, sondern muß mit irgendwie beschafften Barmitteln, Gold, Devisen usw. auszahlen, wenn die Noten zurückkommen. Bei nennenswertem Umfange dieses Mißbrauchs erhal­ten die Noten Disagio, da keine genügenden Fälligkeiten mehr die erforderliche Nachfrage nach ihnen hervorrufen. Die Bank muß also infolge von Liquiditätsschwierigkeiten ihre Schalter schlie­ßen und in Konkurs gehen, sobald die Miß­bräuche größer werden, als es der geringe Barvorrat gestattet (vgl. S. 131 f., 138 f.).

            Festigkeit gegen den Run. — Auch ein Run auf das gesamte Banksystem ist hier nicht mög­lich, da nie mehr Banknoten ausstehen und nie mehr Depositen vorhanden sind, als zur Bewerkstelligung des unbedingt nötigen laufenden Zahlungsverkehrs gerade erforderlich sind. Ein Run pflegt niemals von den täglich umge-setzten Girodepositen, sondern immer von den Spardepositen auszugehen. Diese fehlen aber einer solchen Bank. Daß die Rückzahlung der ge­samten Kreditoren einer der vielen vorhandenen Banken dieser Art nicht an einem Tage, sondern nur etwa im Verlaufe von 4 Wochen möglich, ist, ist ein geringer Schönheitsfehler, der an der Tatsache der sehr schnellen Rückzahlungsmöglichkeit nichts ändert. Zur Erläuterung diene die Bilanz des Crédit Lyonnais per 30. November 1931, der heute gesündesten

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Großbank der Welt, deren 5,6 Milliarden Francs Depo­siten und 9 Milliarden passiven laufenden Rechnungen auf der Aktivseite nicht weniger als 12 Milliarden Fr. in bar, Wechseln und Schatzwechseln gegenüberstehen, neben 4 Milliarden Debitoren. Diese Bank ist gegen jeden Run sicher, da sie ziemlich alles in bar auszahlen kann, was verlangt werden kann; ihre Leitung be­weist, daß das praktisch möglich ist, was in Deutsch­land in bequemer Weise oft für unmöglich erklärt wird 1).

            Notenbank- und Kreditverkehr nichts als verfeinerter Handelwechselverkehr. — Dieses ursprünglich schottische Kredit- und Banknotenwesen unterscheidet sich prinzipiell in nichts von dem allereinfachsten Wechselverkehr, von dem wir ausgegangen sind. Auch dieser Umtausch und Rücktausch unbequemer in beque-me Zahlungsmittel kann in keiner Weise durch ausländische und poli­tische Einflüsse gestört werden; bis hier-her ist also der Mechanismus, der heute unser Kreditsystem lahm­legt, noch nicht erkennbar. Nichts spricht gegen die Möglichkeit eines unabhängigen nationalen Kredit­verkehrs, eines vernünftigen Tauschverkehrs mit Hilfe eines gesunden Notenbankwesens. (jz6)

            Der Giroverkehr als Vollendung des klassischen Systems. — Um uns den heutigen Zuständen zu nähern, haben wir zunächst noch den Giroverkehr einzuschieben 2). Wir waren im klassi­schen Schema zu-nächst davon ausgegangen, daß der gesamte Zahlungsverkehr nur mit den Banknoten abgewickelt wird. Heute sehen wir einen großen Teil

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1)      Über den Run vgl. weiter unten S. 150 f., 156.

2)      Ihm entspricht in den angelsächsischen Ländern der Scheckverkehr.

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der Zahlungsvorgänge auf die viel einfachere und billigere unbare Weise des Giroverkehrs sich ab­wickeln: Der Detaillist-, dem ja von den 45 Milliarden Lohn- und Gehaltseinkommen in Deutschland (1927) allein fast 40 Milliarden RM. zufliessen, macht sich nicht die Mühe, die Banknoten zu verpacken und per Wertbrief an seine meist auswärts wohnenden Lieferanten zu senden, sondern er zahlt die Tageslosung(den Erloes des Tages? – J.Z.) schon am nächsten Tage bei der nächsten Depositenkasse oder Girokasse ein und benutzt das so gewonnene Guthaben zu Überwei­sungen an seine Lieferanten. Während früher das Kreislaufschema für wohl 90 % des umlaufenden Bargeldes lautete: Erster Teil: Bank — Lohntüte der Fabrik — Lohnempfänger — Laden; zweiter Teil: Laden — Grossist — Fabrikant — zurück zur Bank, wird heute nur noch der erste Teil dieses Kreislaufs vom Bargeldumlauf besorgt, da bereits der Ladeninhaber die Noten zur Bank zurück­bringt und damit den Notenumlauf beendigt. Aller­dings zahlt der Ladeninhaber dieses Geld nicht auf das Konto des Fabrikanten ein, auf dem bei der ursprünglichen Emission die Belastung des Umtauschkredits stattfand, son-dern auf seines. Mit der Einzahlung ist also der Kreditvorgang keineswegs beendet, sondern nur umgeformt. Durch sie steigen die Girodepositen der Bank um genau den Betrag, um den sich am gleichen Tage der Noten-umlauf vermindert hatte. Mit diesen zusätzlichen Passivmitteln wird die aktive Kreditgewährung weitergeführt. Diese neuen Girodepositen, die an die Stelle des zweiten Teils des klassischen Kreislaufschemas treten, durch-wandern nun in Form von Überweisungen die lange Kette der Bankkonten der Lieferanten und Unterlieferan-ten, bis sie zuletzt auf

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dem Konto des ursprünglichen Fabrikanten landen, womit der Bankkredit zurückgezahlt ist, von dem der Notenumlauf seinen Ausgang nahm. Gleichzeitig sinken die Girodepositen auf den ursprünglichen Betrag zurück. Nähere Untersuchungen zeigen, daß der Bargeldkreis­lauf heute etwa 11 Tage und der anschließende Giro­kreislauf durch die verschiedenen Gironetze noch weitere 15 Tage dauert, so daß die Kreditfristen von den Banken bei derartigen Krediten im Durch­schnitt auf etwa 26 Tage gesetzt werden müßten. Nicht mehr die Gesamtheit der Banknoteninhaber allein ist es also heute, die durch ihren Notenbesitz, der eine Kreditgewäh-rung bedeutet, den Güterumlauf elastisch finanziert, sondern fast drei Fünftel des Kreditspielraums entfallen heute auf die Inhaber von tatsächlich dauernd umgeschlagenen Girokonten. Notenumlauf und Girodepositen zusammen aber sind ebenso elastisch geblieben, wie der Notenumlauf allein; beide entstehen durch den Umtauschkredit und vergehen durch seine Rückzahlung; beide sind unabhängig von der Höhe der Spareinlagen und der Kapitalbildung in einem Lande; sie bedeuten keinerlei prinzipielle Veränderung gegenüber dem an­fänglichen einfachen Wechselaustauschschema, son­dern nur eine Verfeinerung.

b) Die schrittweise Zerstörung des klassischen Systems von 1909 bis 1931.

            Vollendung und Abstieg des klassischen Systems. — Mit der Ausbildung des Giro- und Scheckver-kehrs, der allerdings noch einer starken Ausdehnung fähig ist, wie schon hier nach­drücklich zu betonen ist, konnte das klassische

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System im wesentlichen als vollendet gelten. Es hat mehr als ein Jahrhundert in Europa gearbeitet, ohne größere Inflationen und Mißstände zu zeigen, es hat Krisen überdauert, wie die von 1857, die der heutigen gleichstehen, es hat sich also unzweifelhaft bewährt. Wie der Abstieg und Untergang dieses ruhmreichen Systems zu erklären ist, mag hier unerörtert bleiben; es geschieht ja nicht selten, daß zu große Erfolge zur Erstarrung, zum Ersatz der leitenden Leute durch rein repräsentative Persönlichkeiten führen, bis es auch für den tüchtigsten Leiter fast zu spät ist, das Alte zu retten.

            Die Verdunkelung der klassischen Bankvorstellungen durch die Funktionstrennung zwischen Noten- und Depo­sitenbankwesen. — Wie beim Aufstieg, so kann auch beim Abstieg nur der große Zug der Ereignisse
geschildert werden, da hier nur die Lehren der großen hundertjährigen Entwicklung für die katastrophale Lage der Banken in der Gegenwart aufzuzeigen sind.

            Der erste Schritt abwärts ist sicherlich schon in der Trennung der Notenausgabe vom Depositenbank­geschäft zu erblicken, durch die sich unser heutiges Bankwesen schon äußerlich von dem schottischen Bank-schema unterscheidet. Hiermit kommen wir auf das heute in fast allen Ländern verbreitete System der Zentral-notenbanken zu sprechen, das heute als eine unantastbare Gipfelleistung des mensch­lichen Geistes dasteht, das aber vielleicht schon in 50 Jahren beiseitegelegt schwerverständlich in der Rüstkammer der Geschichte zu fin-den sein wird. Die Funktionstrennung hat sich im wesentlichen histo­risch entwickelt. Neben die Notenbanken, die

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Wechsel diskontierten und auch Depositen annah­men, traten in den meisten Ländern 1) grosse Ak­tienbanken, die das Depositengeschäft und als Gegengeschäft den Kontokorrentkredit (anfänglich eine offene Umsatz-finanzierung unter Verzicht auf die Wechselstrenge) pflegten und sich geradezu übermächtig entwickelten. Sie konnten na­türlich nur die letzten drei Fünftel des Umsatzes der Waren nach dem klassischen Schema finan-zieren, da sie nur den unbaren Teil des Zahlungsvorganges teilweise an sich reißen konnten. Bezüglich des Bar­geldes blieben sie auf die Notenbanken angewiesen. Hierdurch wurde der einfache Aufbau des klassischen Schemas zum ersten Male verdunkelt: Die Noten­banken sind so zur "Banken der Banken" geworden. Sie geben heute etwa 80 % ihrer Noten nicht mehr an Geschäftsleute, deren Rohstoffbeschaffung und Warenabsatz sie aus ihren Konten selbst klar erkennen können, sondern an Banken, die ihnen versichern, daß die Namen der Wech-selverpflichteten so guten Klang haben, daß sie selbst "unbesehen" durch ihr Giro für die Sicherheit geradeste-hen würden, — eine Behauptung, die fast gar nichts mehr mit dem beabsichtigten Umtauschvorgang, mit der Verwandlung von Verkaufserlösen in Zahlungsmittel zu tun hat, die schon den verhängnisvollen Ersatz des Umsatzprinzips durch das Sicherheitsprinzip in sich schließt. Die heutigen Depositengroßbanken geben auch nicht etwa alle Handelswechsel an die Bank.

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1)      außer Schottland und Canada, die das System freier Notenausgabe aller Banken nach Massgabe eines Normativ­gesetzes bis heute mit Erfolg beibehalten haben, leider seit dem Weltkriege ebenfalls verfälscht durch den Zwangskurs (die Noten sind gesetzliche Zahlungsmittel).

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sondern nur einen Teil und nur sporadisch, wenn bei ihnen Bargeldbedarf auftritt, so daß der Notenbank jede wirksame Kontrolle verlorengehen mußte. Sie bieten schließlich ihrer Kundschaft den bequemeren Konto-korrentkredit; die Kaufmannschaft hat es daher verlernt, Wechsel zu geben; während die Notenbanken auf dem alten Handelswechselprinzip beharrten. Da­her mußten die Notenbanken schließlich zufrieden sein, wenn sie offenbare Finanzwechsel bekamen, da das gute Wechselmaterial sehr rar wurde.

Die Notenbank mußte nun-mehr versuchen, die richtige Notenmenge "herauszu­fühlen" 1), da sie die direkte Verbindung mit den Umtauschvorgängen des Ge­schäftslebens verloren hatte; sie wurde zu einer Bargeldver-sorgungsstelle der Groß­banken. Nicht die Notenbank bestimmte, wieviel sie geben wollte, sondern die Groß-banken holten so­viel ab, wie sie gerade brauchten. Damit war man an der Grenze der bald uferlosen, bald restriktiven Emission angekommen, die dem nichtbankmäßigen Papiergeld 2) an­haftet; die dieser gefährlichen Zah­lungsmittelart mit Recht einen so üblen Ruf eingetragen hat.

            Die Zentralisation des Notenbank­wesens als Markstein beim Übergang von der Banknote zum Papiergeld. — Hand in Hand mit dieser Entwicklung ging die Zentralisation des Notenbankwesens. Der Staat trat in nahe Be­ziehung zu einer der Notenbanken, die er mit Vor­rechten ausstattete, der er seinen Geldverkehr über-

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1)      Ausdruck von Prof. Alb. Hahn.

2)      Strikter Gegensatz zu Banknote.

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trug, deren Noten er an seinen Kassen annahm. Die Noten einer solchen Bank mußten eine ungesunde Verbrei-tung gewinnen, die nicht mehr allein da­durch begründet war, daß das Institut die täglich entstehenden neuen Verkaufserlöse aus dem laufen­den Absatz der Gesamtproduktion bzw. die darauf basierten Wechsel in ein bequemeres Zahlungsmittel umtauschte, sondern auch etwas auf dem Kre­dit des Staates. (3) Diese Bank wurde die "Zentralnotenbank", dergegenüber die andern Noten­institute entweder verschwanden oder zur Bedeu­tungs-losigkeit herabsanken.

            Dieses monopolistische System, das auf keinem andern Gebiete in solcher Reinheit vorkommt, hätte sich nie halten können, wenn es nicht — zwar nicht dem Staat als einer Volksgemeinschaft — wohl aber dem Staat als Fiskus riesige Vorteile geboten hätte. Fr. Knapp schildert den immer wieder vorkommenden Fall, daß der Staat in seiner Not diese reiche Bank als Kreditquelle ausnutzt: Wenn die Bank halb gezwungen ihrem "Wächter", dem Staat, große Kredite einräumt, die mit dem Güterumsatz nichts zu tun haben, "wie soll sie dann die Banknoten fernerhin einlösen? Es ist unmöglich (Anm.: weil der Staat nicht an dem Tage

zurückzahlen kann, an dem die Noten zur Zahlung vorgelegt werden, also etwa nach 26 Tagen). Knapp fährt fort: "Das begreift auch der Staat sehr wohl. Er verfügt: Die Bank ist von der Verpflichtung zur Einlösung entbunden."

            "(Er) erklärt diese Noten zu valutarischem Gelde (gleich gesetzlichem Zah­lungsmittel) ; ... so erhalten die Noten Zwangs­kurs bei allen Zahlungen unter Privaten. Durch diesen höchst merkwürdigen Vorgang, den man meist nur als erschütternden Unfall würdigt, ist für den kaltblü-

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tigen Beobachter folgendes festgestellt: Der Geldverkehr . . . hört nicht auf, obgleich das valutarische Geld anders geworden ist; es besteht ja gar nicht mehr aus Metall, sondern aus Papier . . . Der Staat ist in 'Papierwirtschaft' versunken"1) 2).

Das Zwangskursgeld, das man in solchen mit Zwangs­kurs ausgestatteten "Banknoten" vor sich hat, gehorcht ganz andern Gesetzen, als das von uns dargestellte echte Umsatz-Bankgeld der privaten Zahlungsgemein­schaft, es ist insbesondere grenzenlos vermehrbar und daher äußerst inflationsgefährlich.

            Der Untergang des klassischen Systems durch die Aufgabe der Einlösbarkeit und die Einführung des Zwangskurses. — Hier­mit hat F. Knapp, der Altmeister der deutschen Geld­theorie auch für denjenigen, der seinen Ansichten nicht immer folgen kann, in einleuchtender, fast groß­artiger Weise schon in dem Jahrzehnt vor dem Kriege den bevorstehenden Untergang des klassischen Kre­ditsystems geschildert, der gar nicht lange danach in Deutschland und in fast allen Ländern außer Frank­reich auch wirklich eintrat. Deutschland bestimmte 1909 durch Gesetz die Reichsbanknoten zum gesetzlichen Zahlungsmittel, deren Auf­drängung zu 100 % sich fortan jedermann gefallen lassen mußte, auch wenn sie weniger wert waren, als der Goldwert der Forderung,   die er zu erhalten

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1)      4. Auflage, s. 128. 129. Knapp ist im übrigen durchaus kein Feind des Zwangskurses, der ja heute merkwürdigerweise als ebenso selbstverständlich gilt, wie er bis 1909 einhellig ver­dammt wurde. Sperrungen vom Verfasser.

2)      Mit Recht erklärt daher Carl Rosch in seinem Buche über Kreditinflation (Jena 1927), daß Bank-noten, die an öffentlichen Kassen genommen werden und gesetzliches Zahlungsmittel sind, keine Banknoten, sondern Staatspapier­geld sind (S. 24).        

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hatte. Die Einlösungspflicht, die letzte schwache Schranke, fiel dann 1914. Nach dem Kriege, in der Zeit des Wiederaufbaues der deutschen Wirt­schaft, in der gerade hier die Rückkehr zu den ge­sunden Vorkriegsmaximen geboten gewesen wäre, um den Wiederaufbau zu fördern und zu gesunden und mißbräuchliche Kredite und untransferierbare Reparationszahlungen zu vermeiden, hat man nicht einmal das Ziel erkannt, vom Zwangskurs wieder ab­zukommen; ist dem Verfasser doch nicht bekannt ge­worden, daß eine derartige Forderung überhaupt er­hoben worden wäre. (jz7) Und die weniger wichtige Ein­lösungspflicht hat nur wenig mehr als 1 ½  Jahre von Ende 1929 bis Mitte 1931 bestanden, zu einer Zeit, als Dr. Luther die schwere Erbschaft des Schachtschen Systems übernehmen mußte, als das deutsche Kreditsystem unter der Last der untrag­baren kurzfristigen Auslandsverschuldung bereits zu zerbrechen drohte, ohne daß sie in einer so verzwei­felten Situation ihre heilende Kraft hätte entfalten können.

            Die Aufgabe der Einlösungspflicht und ihre Folgen. — Solange die Einlösungspflicht be­stand, oder, um wieder Knapp zu zitieren, "solange die Bank verpflichtet ist, ihre Noten in staatlich emittiertem Gelde ein-zulösen, brauchte der Staat keine weiteren Schritte zu tun, um die Banknoten in ihrer akzessorischen Stellung zu halten" 1), waren also andere Vorsichtsmaßregeln gegen die Inflations­gefahr überflüssig, weil Inflation nur unter dem Regime des Zwangskurses möglich ist. Jetzt, nach Aufgabe der Einlösbarkeit der Noten, wur­den besondere Bremsen nötig: die goldene

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            *) Knapp S. 125. Vgl. auch unten S. 138 ff.

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Bremse, die Golddeckung, und die unzuverlässige und den Ereignissen immer nachhinkende Preisstati­stik; schließlich nach dem Untauglichwerden beider die Devisenbremse. Hiermit ist der klassische Gedanke, dessen Wiederverwirklichung uns heute so nottut, der im Geld- und Kreditwesen ein Hilfsmittel des Güterabsatzes sieht, verlassen und eine ganz andere Geldart auf den Thron erhoben, das Pa­piergeld im Gegensatz zur Banknote, dessen Eigen­schaft es ist, unstabil zwischen Inflation und Deflation hin und her zu schwanken; das allein von den Aus­artungen betroffen werden kann, die wir im Jahre 1923 kennengelernt haben, und das die Umsatzfinanzierung nur sozusagen "nebenbei" miterledigt, ohne hier etwas Wirkliches zu leisten.

            Identität  im Zwangskursregime, Zen­tralbankidee und Inflationismus. — Man hätte sich zu diesem gefährlichen und volkswirt­schaftlich verdammungswürdigen Zwangskursregime 1) nie entschlossen, wenn es nicht außer seiner Vorteilhaftigkeit für den Fiskus noch eine Eigenschaft besessen hätte, der gegenüber alle sachlichen Bedenken zurückzutreten hatten: Ohne eine "starke Zentralnotenbank" war nach herrschender Ansicht die Kriegsfinanzierung (4) unmöglich. So wurden denn i.J. 1909 in Deutschland, nachdem andere Länder vorangegan­gen waren, als Vorbereitungsmaßnahme für den mög­lichen Krieg die Reichsbanknoten zum ge­setzlichen Zahlungsmittel erklärt. Immer wieder wurde in allen Ländern bei der Erörterung des Zentralbank-problems betont, wie wichtig im Kriegsfall eine starke Zentralnotenbank sei. Mit

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1)      Die Klassiker bis Ad. Wagner and Knapp stimmten darin überein, vgl. S. 189 ff.    

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diesem Argument wurden die rein wirtschaftlichen Argumente, die zumeist für die Dezentralisation sprachen, totgeschlagen 1). In Wahrheit waren freie Notenbanken im Kriegsfalle nur deswegen, nicht "stark", weil sie keine Inflation machen konnten. Sie konnten dem Staat keine Kriegskredite geben, weil sie selbst vier Wochen später an den Folgen dieses inflationistischen Miß­griffs in Konkurs gegangen wären. Hinter dem Streben zur "starken Zentralbank" ver­barg sich also der Wille, irgend einmal Inflation zu machen, was nur mit der Auf­hebung der Einlösungspflicht und der Einführung des Zwangskurses vorstellbar ist. Zentral­bankidee und Inflationismus sind ideo­logisch und historisch untrennbar 2); es ist da-

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1)      Vgl. hierüber insbesondere die Bankenquete von 1908, so­wie Plenge, Rießer usw. — Charles Rist (Les Finances de Guerre de l'Allemagne) übergeht diesen Punkt, da ja die Noten der Banque de France seit d. J. 1870 den Legalkurs gehabt hat­ten; waren es doch die "guten Erfahrungen" der Banque de France bei der Finanzierung des Krieges von 1870 mit dem Zwangskurs, die man sich in Deutschland hatte zunutze machen wollen (nach der deutschen Terminologie [Ad. Wagner] ist Zwangskurs = cours legal; dem französischen Ausdruck cours forcé entspricht unser Begriff "Uneinlösbarkeit"). (jz8)

2)      Auch Mises äußert sich in gleichem Sinne (Theorie, 2. Aufl., 1924, S. 408):

"Die Gründe, die, abgesehen von dem Moment der finanziellen Kriegsbereitschaft, zugunsten der Zentralisie­rung, Monopolisierung und staatlichen Beaufsichtigung der Notenbanken im besonderen und der Umlaufsmittelbanken im allgemeinen angeführt werden, sind durchaus unstichhaltig. In den letzten Jahren hat sich die Bankliteratur so stark in han­delstechnische Einzelheiten verloren, sich so weit von allen national-ökonomischen Erwägungen entfernt und sich so ganz unter den Einfluß plattester etatistischer Argumentation begeben, daß man auf die Ideen ... von vor zwei und drei Menschenaltern zurückgreifen muß.  ...   Die Reglementierung des Notenbankwesens sollte den armen und unwissenden Mann aus dem Volke ... davor schützen, durch Bankenzusammenbrüche Verluste zu erleiden. Es genügt, dieses Argument nur anzu­führen, um zu zeigen, daß es ganz kraftlos ist. Keine Bankpolitik hatte dem kleinen Mann mehr Schaden zufügen können, als die etatistische der letzten Jahre."

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her nicht verwunderlich, wenn Cassel und immer weitere Vertreter des Zentralbanksystems heute die Aufgabe des Goldstandards empfehlen, sich damit also öffentlich als Inflationisten erweisen. Jeder Gegner der Inflation muß in letzter Konsequenz Gegner der "starken Zentralbank" sein, weil diese immer wieder zum Zwangskurs-regime und damit zur Inflation verleitet, und die Wiederherstellung der Zu­stände von vor 1909 (J.Z.: 1910 – Erst am 1.1.1910 kam das Gesetz vom 1.6.1909 in Kraft. - J.Z.) wünschen, in denen die deutsche Wirtschaft nicht ohne Grund einen beispiellosen Auf­schwung erlebte, ohne von Inflation bedroht gewesen zu sein.

            Die gegenwärtige schädliche Übertrei­bung der Zentralbankidee auch hinder­lich für die Lösung der Reparations­frage. — Die Übertreibung des Begriffs der "star­ken Zentralbank" ist heute umso überflüssiger, als wir Deutschen überhaupt keinen Krieg mehr führen können. (jz9) Nützlich ist sie höchstens in der Hand der Reparationsgläubiger (jz10); die daher auch die Zentralbankidee uns gegenüber stärkstens bejaht haben und das Bank-gesetz mit Absicht im Dawes- und Youngplan international gebunden haben. Da man aber auf Seiten der Reparationsempfänger seit 1924 auf das Hilfsmittel der Inflation zur Ermöglichung von Reparationszahlungen für alle Zeiten mit Überzeugung verzichtet hat, und da die kriegsfinanzielle Stärke der Zentralbank nur in der Inflation liegt und  die reparationspolitische Stärke

           

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der Zentralbank in nichts anderm bestehen kann, so können die Reparationsgläubiger vernünftigerweise heute kein wirkliches Interesse mehr an der Zentral­bankidee in Deutschland haben.

            Nach dem Fall der Banken noch die Zer­störung des deutschen Geldsystems durch den Übergang vom Handelswech­selgeld zum Finanzwechselgeld.   —   An diesen lange vorbereiteten Niedergang schließt sich ein katastrophaler Bruch an, der nun darzustellen ist. Bis zum Sommer 1931 hatte die Reichsbank die §§ 28 und 21 des Bankgesetzes befolgt, die die Tätigkeit der Reichsbank in ganz bestimmter Weise begrenzen, nämlich im wesentlichen auf den Diskont von Wech­seln mit einer Laufzeit von höchstens 3 Monaten, die neben Gold und den durchlaufenden Schecks allein als Notendeckung zugelas­sen sind (§ 28: a. Golddeckung von 40 %;  "b. Für den Restbetrag diskontierte Wechsel oder Schecks, welche den in § 21 aufgestellten Erfordernissen genügen"). Nun lautet § 21 Abs. 2 Ende: "Die von der Bank diskontierten Wechsel sollen nur gute Handels-wechsel sein", und Dr. Hjalmar Schacht kommentiert diese wichtige Bestimmung in seinem Kommentar auf S. 142 wie folgt:

"Im Hinblick auf die Zweckbestimmung der No­tenbanken wird der bereits früher angewandte Grundsatz, daß die von der Bank diskontierten Wechsel nur gute Handelswechsel sein sollen, im neuen Bankgesetz ausdrücklich festgelegt. Damit wird der Bank die Diskontierung anderer Wechsel, z.B. sogenannter Finanz- und Kreditwech­sel oder von Wechseln, die zu spekulativen Zwecken ausgestellt sind, untersagt."

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Auch die Strafbestimmungen beziehen sich auf diese beiden Paragraphen, deren Wichtigkeit dadurch noch besonders hervorgehoben wird.

            Das Notenbankgesetz erlaubt also nur zwei Sor­ten von Banknoten, die wir mit Ramin 1) als Goldgeld und als Handelswechselgeld bezeichnen können, um die Sache recht deutlich zu machen, was übrigens der Terminologie des § 28 entspricht.

            Entgegen diesen Bestimmungen (5) hat die Reichsbank nun aber seit der Kreditkrise des Juli 1931 in einem Umfange von etwa zwei Milliarden RM. Finanzwechsel diskontiert, wie allgemein bekannt und durch die Gründung der Akzept- und Garantiebank dokumentiert ist. Diese Finanzwechsel wurden hereingenommen, um die Zahlungsfähigkeit der illiquiden Kreditbanken zu erhalten, die das Depo­sitensystem übertrieben hatten, wovon im nächsten Teil (S. 58 f.) zu sprechen sein wird; die Reichsbank bevorschußte hier nicht Verkaufs-erlöse, sondern sie übernahm illiquide Aktiva der Großbanken und der Sparkassen, die sich nicht selbst liqui-dieren, sondern fortgesetzter Prolongationen bedürfen (entgegen dem Dreimonats-Prinzip). Sie wäre hierzu wahrscheinlich berechtigt gewesen, weil unserm Banksystem eine Re­servestellung gesunder Mittelbanken hinter den er­krankten Großbanken fehlte, so daß bei Schalterschluß fast aller Banken das Wirtschaftsleben zum Stillstand gekommen wäre; aber sie hätte sofort alles tun müs­sen, um eine solche Reservestellung aufzubauen und das ungesetzliche Finanzwechselgeld wieder zum Ver­schwinden zu bringen.

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*) Vgl. den ausgezeichneten Bericht der Deutschen Festmarkbank in Berlin vom Januar 1932, der mir während des Drucks zugeht. Ebenso François-Marsal, Encyclopédie, 1928, I. S. 33.

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            Indem die Reichsbank sich über die Bestimmungen des Bankgesetzes hinwegsetzte und im Umfange von fast der Hälfte ihres Notenumlaufs Finanzwechselgeld emittierte, vermied man zwar ein Moratorium für die Banken, besserte aber die Lage der Kreditinstitute nicht. An Stelle der verschwundenen Einlagen ist die

Ver­pflichtung gegenüber der Reichsbank getreten. Die Zen­tralbank wurde so gewissermaßen der größte Einle-ger bei allen Kreditinstituten, dessen Gläubigerschaft nur deswegen angenehmer ist, weil sie nolens volens zum Stillhalten gezwungen ist. Die Reichsbank wurde also abhängig von den Kreditbanken.

"Nach wie vor hängt die Lage der Kreditinstitute im wesentlichen davon ab, ob ihre eigenen Schuldner bezahlen. Und das wird immer unwahrscheinlicher. Denn die Schuldner können nur bezahlen, wenn sie einen entsprechenden Umsatz haben. Geht der Umsatz zurück, weil die Umsatz­kredite nicht ausreichend finanziert werden können, so bleibt nur die Zwangsexekution der Produktionsmittel selbst, also der Fabriken, des Grund und Bodens usw. Wie fragwürdig solche Maßnahmen heute sind, braucht nicht auseinandergesetzt zu werden. Hieraus geht auch hervor, daß die als Finanzwechselgeld aus­gegebenen Noten der Reichsbank in Wirklichkeit verkappte Pfandbriefe sind ... Man hat diesen Zustand der Reichsbank nicht unrichtig so ausgedrückt, daß die Reichsbank hierdurch die größte Hypothekenbank Deutschlands  geworden ist 1)."

            Verhängnisvolle Kompensation einer Inflation des Finanzwechselgeldes mit einer Deflation des Handelswechselgeldes. — Hätte man in normalen Zeiten so viel

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            1) Dr. Ramin im Januar-Bericht der Deutschen Festmark­bank, 1932.

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Finanzwechselgeld ausgegeben, so wäre eine Inflation eingetreten. Daß heute keine Inflation vorhanden ist, erklärt sich daraus, daß ein entsprechender Betrag ge­sunden Handelswechselgeldes verdrängt wurde. Man hat, um die vielen faulen Kredite durchhalten zu können, eine abnorme deflationistische Verknappung des Handels-wechselgeldes durchgeführt. Da der Umsatzkredit für den Güterab­satz genau so unentbehrlich ist, wie die Ver-frachtung durch Eisenbahn und Kraftwagen, ist hierdurch der Güterumsatz der Wirtschaft aufs schwerste gestört worden. Man hat ungefähr ein Drittel des gesamten volkswirtschaftlichen Güter­umschlages stillgelegt, um die kategorischen Wünsche fauler Institute, die abseits von den Inter­essen der Gesamtheit standen, erfüllen zu können, und deren Leiter zu retten, deren Schuldkonto man nicht übersehen konnte, weil sich einzelne dieser Persönlich­keiten selbst als Sachverständige bezeichneten und sogar wissenschaftliche Argumente heranzogen. Durch die so herbeigezwungene Unverkäuflichkeit der Waren bei größter Arbeitslosigkeit sind nun aber so gute Unternehmungen in größter Zahl an den Rand des Ab­grundes gebracht worden, daß die gesamten Aktiven der Banken bedroht sind. Das von egoistischen, naiven und wissenschaftlich ungeschulten "Fachleuten" ge­meinsam empfohlene Rettungsmittel hat sich also als ein Zerstörungsmittel ersten Ranges für die Banken erwiesen, das nicht einmal die Privatvermögen der Bankleiter zu sichern vermochte, da das Unheil einen unerwarteten Um-fang annahm und rei­ßend um sich greift.

            Man ging bei der Ausgabe des Finanzwechselgeldes nämlich von der Annahme aus, ein hoher Zinssatz werde es zum raschen Rückströmen bringen. So wurde

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die Erhöhung des Diskontsatzes auf 30 % gefordert. Dabei vergaß man, daß bei Finanzwechselgeld, das die Entstehungsursache aller bisher dagewesenen Inflationen gewesen ist, überhaupt die wirksame Rück­strömung des Handelswechselgeldes fehlt, weil die zugrunde liegenden Kredite wirtschaftlich langfristig sind.

Die schlimme Folge dieser falschen Theorie vom Nutzen eines hohen Zinssatzes war, daß dieser enorme Dis-kontsatz von zeitweise 15 %, heute noch 7 %, auch auf das Handelswechselgeld angewandt wurde, wodurch die deflationistische Zerstörung des Güteraustauschs herbeigeführt wurde.

So sind wir heute vor die Alternative eines negermässgen Austauschs von Naturalien unter den Arbeits-losen unter Führung der Reichsregierung (Vorschlag im Reichtagspräsidenten Löbe, Breslauer Rede am 20. Januar 1932, "Gegenseitigkeitshilfe der Arbeitslosen"), der bald für das ganze Volk aktuell werden wird, oder eines radikalen Bruchs mit dem bisherigen Sy­stem unter Rückkehr zu den bewährten deutschen Kreditgrundsätzen gestellt.

c) Die erste Fehlergruppe:

Die Schwäche des Umsatzkredits und des

Papiergeldes in Deutschland.

            Schlußfolgerungen. — In größter Verein­fachung, die für den Verfasser einen Wesenszug der Wissen-schaft darstellt, denn nicht neue geistreiche Formulierungen, sondern die Aufdeckung der letzten und stets einfachen Prinzipien streben wir an — ist dieses das Währungs- und Umsatzkreditsystem, das wir  heute vor  uns sehen 1).  Entstanden aus dem

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1)      Über das Wesen der "Währung" vgl. den gleichlautenden Abschnitt unten S. 135.

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reinen Kompensationsprinzip des Wechsels, hatte das moderne Notenbankwesen in der einlösbaren akzesso-rischen Banknote und dem gleichfalls akzessorischen Giroverkehr ein rein umsatz- und absatz-orientiertes Kreditsystem entwickelt, das nicht nur den volkswirtschaftlichen Güterabsatz tatsächlich leistete, sondern auch von ausländischen Krediteinflüssen ungestört arbeitete, jede Unterstützung fauler Kreditbedürfnisse vermied und jede Inflation un­möglich machte.

Erst die Erklärung der Reichsbanknoten zum gesetzlichen Zahungsmittel (Einführung des Zwangskurses) und die Beseitigung der Einlösbarkeit haben aus dem umsatzorientierten Notenbanken eine Art von Papier­geld-banken gemacht. Die Einführung des uneinlösbaren Papiergeldes — das sind die heutigen Reichsbanknoten — hat das Girosystem ebenfalls seiner Leistungsfähig­keit und Selbstbegrenzung beraubt. So wurde das deutsche Kreditsystem ab­hängig von der Leistungsfähigkeit der Gold- und Devisenbremse, und mit deren Überhitzung geriet es in die Abhängig­keit vom Ausland.

Durch die erzwungene, aber dann allzu lange fortgesetzte Unterstützung von falsch disponierten Kreditanstalten ist dann die Emission von pfandbriefähnlichem Finanzwechselgeld so sehr die Hauptaufgabe der Reichsbank geworden, daß die Kreditmittel des gesamten deutschen Banksytems prinzipiell auf die Hypothezierung und Lombardierung unbeweglichen und beweglichen Vermögens gerichtet sind, was mit dem eigentlichen Bankgeschäft

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überhaupt nichts mehr zu tun hat, so dass für die Umsatzfinanzierung im Diskont­wege nur noch wenig übrig bleibt. Gleichzeitig hat diese Zerstörung des Güterumlaufs die ge­samte Wirtschaft unrentabel gemacht, so dass die hypothezierten Betriebe und die lombar­dierten Waren entwertet worden sind, was einer Entwertung aller Kreditunterlagen gleichkommt.

Da somit ein wirklicher innerer Kreditverkehr nicht mehr besteht, sind die Zinssätze, die das Ausland uns auf-zwingt, maßgebend für unser Zinsniveau ge­worden. Nicht mehr der legale Umtauschbedarf eines gesunden Geschäftsmannes entscheidet heute über die Kreditpolitik der Notenbank, sondern die Höhe des von auslän-dischem Wollen abhängigen Devisenpolsters.

            Stillhaltung und politische Zinsüberhöhung. — Da die ausländischen Banken diese überhohen Devisenkredite längst zurückgerufen ha­ben, die Rückzahlung aber unmöglich war, mußte in der Stillhaltung ein privates Moratorium gesucht werden, das von den Gegnern akzeptiert wurde, da sonst ein gesetzliches Zahlungsverbot, also ein offener Rechtsbruch erfolgt wäre. Die Macht der Vertrags­gegner bleibt nichtsdesto-weniger diktatorisch: durch die Lücken der Stillhaltung fließen soviel De­visen ab, daß die Bedrohung der Währung permanent bleibt (jz11) und daß von einer restrik­tiven Kreditpolitik im Innern nicht ab­gegangen werden kann. (jz12) Gerade gesunde Firmen müssen phantastische Diskontsätze bezahlen, um mit Schwierigkeiten beste Handels-wechsel in Lohngelder umgetauscht zu bekommen 1). Und das Zinsdiktat

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1)      Insofern dürfte der frühere Reichsbankpräsident Schacht mit seiner Kritik keinesfalls unrecht gehabt haben; als er er klärte:

"Die Mittel der Reichsbank (werden) derart beansprucht, daß für den regulären Warenverkehr, dessen Ausdehnung wir doch alle anstreben, nichts mehr übrig bleibt."

    Vgl. den Brief an den Fraktionsvorsitzenden Dr. Oberfohren nach der Harzburger Tagung.

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der ausländischen Geldgeber und der bedrängten Reichsbank hält den Landeszinssatz in Deutsch­end auf einer so exorbitanten Höhe, daß die Millionen von Arbeitskräften, die müßig sind, und die gewaltigen Produktions-kapazitäten für Konsumgüter, die in un­serer leerlaufenden Industrie und Landwirtschaft stecken, nicht zusam-mengebracht werden können. Findet man doch heute nicht deshalb keine rentablen Kapitalanlagen, weil wir alle überreich­lich mit Gütern versorgt sind, sondern weil die Rentabitität nur der reziproke Wert des Zinsni-veaus ist, dieses aber zu hoch liegt. (6)

            Einrichtung eines gesunden Kredit­systems inmitten der Krise. — Wäre es heute möglich, inmitten aller Schwierigkeiten ein Kreditsystem mit einlösbaren privaten Zahlungs- und Giromitteln zu schaffen, das dann, um nicht durch Konkurs der Todesstrafe zu verfallen, sich sorgfältig am echten Warenumsatz orientieren müßte und dadurch in Kampf­tellung zu jedem Inflationismus und zu jeder Kreditkorruption treten würde, so wäre auch heute ein Diskontsatz von 2 %  für echte Umsatzkredite an ganz gesunde Firmen möglich. Eine der-artige gesunde private Zahlungsgemeinschaft könnte kurz, aber billig diskontieren. Sie wäre unabhängig von den Devisenkalamitäten des bisherigen Banksystems, denn sie würde alle Zahlungen an Nichtmitglieder, darunter auch die ausländischen Banken, prompt leisten

           

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können, da sie sich auch hinsichtlich der Devisen auf den Umtausch beschränken würde. Die Kürze der Zah-lungsfristen, die sie auch in der Exportfinanzie­rung der Industrie einhalten würde, würden für alle Kredite einer solchen Bank durch häufige Fäl­ligkeiten derartige Rückflüsse erzwingen, daß Eingänge und Ausgänge, sei es in Reichsbanknoten (immer noch dem gesetzlichen Zahlungsmittel), sei es in Devisen oder sei es in eigenen Emissionen, sich stets die Waage halten müßten.

            Eine "passive Zahlungsbilanz" kann bei einer derartigen Bank, deren Kundschaft eine "pri­vate Zahlungsgemeinschaft" 1) bildet, nur dann eintreten, wenn an die "Außenwelt", also an die in- und ausländi-schen Nichtmitglieder, langfristige Kredite gegeben werden. Dann wird geliefert und erst nach Monaten oder Jahren bezahlt, während die bei der Fabrikation und Löhnung aas­gegebenen Noten schon nach zehn Tagen zurückkom­men und im Girowege nach weiteren zwei bis drei Wochen spätestens Überweisungsmittel, wie Reichs­bank- oder Postscheckguthaben, abdisponiert werden, wodurch die Liquidität des Instituts sich drohend ver­schlechtert. Nur bei langfristiger Kredit­gewährung ans Ausland können also mehr Devisen abfließen als eingehen, und nur bei langfristiger Kreditgewährung an in­ländische Nichtmitglieder können von einem, derar-tig selbständig arbeitenden Institut mehr Reichs­bank- und Postscheckmittel abfließen, als eingehen. Dabei ist angenommen, daß die Schecks oder Noten

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1)      Fr. Knapp, a. a. O., S. 120: "Die Kunden der Bank bilden sozusagen eine private Zahlgemeinschaft", und S. 121: "Bank­noten (einlösbare) sind Geld einer privaten Gemeinschaft."

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eines solchen selbständigen Emissionsinstituts wie alle Schecks durch den Abrechnungsverkehr laufen, wie die schottischen und kanadischen Bank­noten noch heute durch das Clearing, worauf die nicht kompensierte Spitze im Girowege bereitgestellt werden muß.

            Die Schwäche des gegenwärtigen deutschen Kreditsystems. — Die gegenwärtige Lage ist also zu-nächst durch die schwierige Position entstanden, in die die Reichsbank durch die Funktions­trennung zwischen Notenausgabe und Großbank­geschäft geraten ist, und die sich besonders bei dem heldenmütigen, aber unglei-chen Kampfe der Reichs­bank gegen die Devisenhamsterer und nicht abliefern­den Exporteure mit Auslands-filialen gezeigt hat. Diese Situation ist erschwert worden durch die monopoli­stische halbstaatliche Stellung der Reichsbank und die Erklärung der Reichsbanknoten zum gesetzlichen Zahlungsmittel, wodurch sie aufhörten, Banknoten zu sein und anfingen, Bankpapiergeld zu werden. Die Situation ist auf die Spitze getrieben worden, seitdem vermöge der Devisenbewirtschaftung die Einlösungs­pflicht aufgehoben ist, womit die Reichbanknoten den Charakter als Banknoten völlig verloren haben und das deutsche Geldsystem ein anderes geworden ist, obwohl es auf Goldparität steht.

            Welches hätte in den letzten Jahren die richtige Kredit- und Reparationspolitik sein müssen? — Die Situation hätte bis 1928, vielleicht noch bis 1931, noch gerettet wer­den können, wenn man sich entschlossen hätte, den bis 1927 verfolgten Weg der Konsolidierung der schwebenden Auslandsverschuldung fortzusetzen, die man mißbräuchlich kontrahiert hatte. Diese

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schwebende Auslandsverschuldung war deswegen ein Mißgriff, weil man diese kurzen Gelder, die fast der Notenausgabe entsprechen, nicht kurzfristig auslieh, sondern in wirtschaftlich langfristigen Anlagen (wie­wohl in juristisch kurzfristiger Form) festlegte. Durch diese fristwidrige Anlage, die dem Grundprinzip des Bank-geschäfts strikt widersprach, hat man dem Markt die Devisenüberschüsse zugeführt (es handelt sich um unge-fähr 10 Milliarden Mark), aus denen die Reparationen ohne Exportüberschüsse bezahlt wur­den. Das alles war nur bei Vorhandensein von Bank­noten möglich, die gesetzliches Zahlungsmittel waren, die also kein Disagio bekommen konnten. Hätte man selbständige freie Notenbanken gehabt, die ihr Geschäft verstanden hätten, so hätten diese die angebotenen Auslandsgelder mit Rücksicht auf die Unmöglichkeit einer fristgerechten Anlage abge­lehnt. Hierauf wäre der Diskontsatz wahrscheinlich auf weniger als 2 ½  % gesunken. Die 6 Milliarden neue Kreditoren und Depositen, die den Großbanken seit 1927 überflüssigerweise zugeflossen sind, wären von den Deponenten in Effekten, hauptsächlich fest­verzinsliche, umgewandelt worden, und die Auslands­gelder hätten nur den einen gesunden Weg gehabt, direkt in Form von Anleihen usw. unkündbar der Industrie zuzu-fließen. Die inländischen Einleger der Banken hätten einen starken Anreiz empfunden, Effekten zu kaufen, weil sich die Banken bei einem so niedrigen Diskontsatz geweigert hätten, irgend­welche Zinsen auf Depositen zu vergüten. Die Indu­strie wäre also durch unkündbare Effektenkapitalien finanziert worden und nicht durch Bankdepositen, wie es im größten Masse in Deutschland, England und den Vereinigten Staaten erfolgt ist. Die eingefrorenen

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Großbankdebitoren könnten nicht vorhanden sein; die Großbanken, ob mit oder ohne Notenrecht, wären liquide.

            Der natürliche Transferschutz. — Das Reich endlich hätte die zur Bezahlung der Reparationen erfor-derlichen Devisen dann am Markt überhaupt nur insoweit erwerben können, als aus den Anleiheerlö­sen Devi-sen angeboten worden wären; darüber hinaus hätte es Reparationsdevisen nicht bekommen kön­nen, denn Einlösbarkeit und private Zah­lungsmittel sind der natürliche Trans­ferschutz, der bei Zwangskurs erst durch inter­nationale Verträge künstlich hergestellt werden muß, bei denen der Schwächere doch immer den Kürzeren zieht. Die Banknoten jeder Bank, einschließlich der Reichsbank, an die sich das Reich etwa mit Erfolg gewandt hätte, wären bei so riesigen Devisenkäufen an Disagio zugrunde gegangen, während die Gold­währung und die privaten Zahlungsmittel aller übrigen Banken gesund und stabil geblieben wären. Bald hätte sich daher keine Bank mehr dazu bereit gefunden, und das Reich hätte objektiv die Reparationszahlungen einstellen müssen, genau analog den Prinzipien des von den Vertragskontrahenten gewoll­ten Dawesplans, während das Wirt-schafts­leben bei niedrigen Zinssätzen und ge­sundem Kreditverkehr weitergegangen wäre. Höchstwahrscheinlich hätte sich ein günsti­gerer Ausweg geboten, da die Reparationszahlungen im Verhältnis zum Volkseinkommen nicht allzu über­höht erscheinen, sofern die nur formal nach Geld strebenden Repara-tionsgläubiger auch bereit gewesen wären, die Zahlung in Form von Waren an­zunehmen und das durch Zoll-senkungen zu be-

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weisen. Denn das niedrige Zinsniveau hätte es er­möglicht, die Arbeitslosigkeit und Krise zu vermeiden, wie man das in Frankreich bis 1931 vorbildlich be­werkstelligt hat. Bei einem niedrigen Zinsniveau hätte man Arbeitsgelegenheit und Konsum durch Arbeiter­beschäftigung gefunden und so das groteske Bild einer Not des Überflusses vermieden. Eine derartige voll­beschäftigte Volkswirtschaft hätte aus Kostendegression so gewal-tige Überschüsse an Kapitalbildung ab­geworfen, daß sich voraussichtlich vermöge eines großen Exportes eines kapitalreichen Landes bei niedrigen fixen Kosten auch die Zahlung der Repa­rationen hätte ermöglichen lassen.

            Auch ohne freie Notenbanken hätte man mit Hilfe unseres monopolistischen Systems eine gleiche ge­sunde Kreditpolitik erreichen können, wenn man wenigstens die kurzfristigen Auslandskredite in lang­fristige konsolidiert und dadurch dasselbe niedrige Zinsniveau hergestellt hätte, dem wir schon sehr nahe waren. Aber der damalige Reichsbankpräsident Schacht hat bekanntlich die ungefährlichen un­kündbaren Auslandsanleihen verbieten lassen, wodurch die um so gefährlicheren kurzfristigen Auslandskredite, die eine stete Bedrohung des deut­schen Kredits bildeten, von 2 auf 8 Milliarden in drei Jahren anwuchsen, worauf die unvermeidliche Katastrophe, durch irgendeinen Funken ausgelöst, ausbrach.

            Die heutige Krise als Endzustand einer jahrzehntelangen krankhaften Entwick­lung. — Aber diesen ephemeren Irrtum als Ursache der gesamten Kreditschwierigkeiten hinzustellen, hieße den Dingen nicht genü-gend auf den Grund gehen. Nur auf der  Grundlage einer infolge von

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Funktionstrennung ihrer Machtmittel beraubten und durch Monopolisierung und Zwangskurs mit Verant­wor-tung für fremdes Tun überlasteten Reichsbank, nur mit Hilfe von Bankpapiergeld, das nicht mehr rein umsatz-orientiert war, konnten einzelne Fehler so ungeheure Ausdehnung und Folgewirkungen erreichen. Nicht allein die akzentuierte Abwendung vom fristgerechten Bankgeschäft, vom Umsatzprinzip, die Schacht i.J. 1927 er-zwang, sondern die durch Zwangskurs und Monopol schon viel länger und tiefer vorberei­tete Abkehr vom Prinzip des Umtauschs un­bequemer in bequeme Zahlungsmittel, m. a. W. die Verschiebung einer volkswirt­schaftlichen Absatzfrage auf das der Phantasie allzuviel Spielraum lassende "Kredit"gebiet im mo­dernen miß-verständlichen Sinne der "Schöpfung" ist als der erste Grundfehler des gegenwärtigen deut­schen Kreditsys-

tems zu bezeichnen 1). Seine verhäng­nisvollste Auswirkung ist die Strangulierung des regu­lären Warenver-kehrs, die die Entwertung aller nun unverkäuflichen Kreditunterlagen nach sich zog, und die Abhängigkeit vom Auslande, die die Lösung der deutschen Bankfrage zu einer nationalpolitischen Aufgabe ersten Ranges gemacht hat.

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1)      Vgl. S. 105—106.

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2. ÜBERSPANNUNG DES DEPOSITEN­WESENS UND DIE ILLIQUIDITÄT

UND ÜBERLASTUNG DER BANKEN

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            Die  zweite  Fehlergruppe: Die Über­spannung des Depositenwesens. —  Auf dieser Grundlage konnte sich eine zweite Gruppe von Mißständen entwickeln: Die Übertreibung des Depositenwesens und die Illiquidi-tät der deut­schen Banken. Ich habe schon im September 1930 in meinem Buche "Arbeitslosigkeit und Kapi­tal-bildung, zugleich ein bankpolitisches Programm zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise", lange vor Aus­bruch der akuten Schwierigkeiten des 13. Juli 1931, die mangelnde Liquidität des deutschen Bankwesens ziffern-mäßig nachgewiesen und diese schwere Erkrankung des Banksystems als eine der Haupt­ursachen der großen Wirtschaftskrise hingestellt, eine Ansicht, die, damals verlacht, heute Allgemeingut ist, waren doch damals alle Blätter voll von den günstigen, leider nur formalen Liquiditäts­ziffern der deutschen Banken 1) 2).

            Tiefgreifende Veränderung des Depo­sitenwesens seit der Vorkriegszeit. — Vor dem Kriege hatten die deutschen Großbanken einen

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1)      Sogar F. Somary, der Verfasser der in Deutschland meistgebrauchten "Bankpolitik", erwähnt in seinem Ende 1930 in zweiter Auflage erschienenen Buch mit keinem Worte diese fundamentale Veränderung des Systems, rühmt dieses vielmehr noch (November 1930 datiert).

2)      Wie könnte man sonst eine zureichende Erklärung dafür finden, daß gerade die Länder von der Krise relativ verschont blieben, die ihr Kreditsystem in Ordnung zu halten verstanden!

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Depositen- und Kreditorenbestand von etwa 6 Milliarden 1), im Jahre 1930 von etwa 12 Milliarden. Nach Prion betrugen die Bilanzpositionen Kontokorrent-Debitoren, Wechsel, Lombards und Warenvorschüsse, die vor dem Kriege 8 - 9 Milliarden ausgemacht haben mögen, am 30. Juni 1928 19,4 Milliarden, und 1930 über 22 Milliar-den Reichsmark. Auch unter Berück­sichtigung der Geldentwertung ergibt sich also eine reichliche Verdoppe-lung 2). Daß dies kein Zei­chen des Aufschwunges und des Wohlstandes war, wie man vielfach glaubte, sondern ein Gefahren­symptom, lehrt die Betrachtung der französischen Banken: Hier sind die Ziffern vor dem Kriege und nach 1927 dieselben geblieben; eine Steigerung ist nicht eingetreten 3). — Auf der Passivseite war dieses ganze System auf Kurzfristigkeit aufgebaut; fast die gesamten Gelder konnten ohne Kündigungsfrist oder nach wenigen Tagen oder Wochen zurückgefordert werden. So geartete Gelder hätten eine Anlagepolitik

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1)      Einschließlich auch damals der inzwischen fusionierten Institute, vgl. die Ziffernangaben in meinem erwähnten Buche,

2)      Dasselbe ergibt sich aus den inzwischen veröffentlichten Ziffern des Konjunkturinstituts (2. Beilage zum Wochenbericht vom 23. 9. 31); hier sind die Wechselkredite und die Schatz­wechsel einbezogen, die jedoch an dem Gesamtbild nichts ändern. Es betrugen in Milliarden Mark die

                                                1913    1930

Wechselkredite                         7,2         8,7

Schatzwechsel                          0,4         1,6

Bankkredite                              10,0     18,9

Auslandskredite (nur direkte)    —,—     2,0

17,6     31,2

3)      Erst in der letzten Zeit, seitdem die Bank von Frank­reich von ihrer traditionellen Politik niedriger Zinssätze ab­gewichen ist. beobachtet man eine Erhöhung der Depositen, aber nicht der Ausleihungen; man wird sich in Frankreich zu hüten haben, ebenfalls der Depositenkrankheit zu verfallen.

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erfordert, die die Rückrufung  der Außenstände in wenigen Tagen oder Wochen ermöglicht hätte.

            Einzig gesunde Anlagemögliehkeit für kurze Gelder. — Nun gibt es in der Wirtschaft nur einen Weg, Gelder in wirklich kurz­fristiger, sich selbst liquidierender Weise anzulegen: das ist der echte Wa­ren-Umschlagskredit, die Finanzierung von Waren, die zwar vom Fabrikanten bereits verkauft sind (sonst würde es sich um den spekulativen Waren­lombard handeln), die aber noch nicht in die Hand des letzten Verbrauchers übergegangen sind, weil erst noch die Zeit der Verfrachtung und des Absatzes über­brückt werden soll. Der Umfang dieser einzig ge­sunden Anlagemöglichkeit für kurzfristige Gelder hängt nun aber nicht von dem Willen der Bankiers ab, sondern allein von dem tatsäch­lichen Güterumschlag; nur soviele Gelder kurzfristiger Natur kann man also fristgerecht an­legen, als der Güterumschlag erlaubt; darüber hinaus bleibt nur die illiquide Anlage in Bauten, Fabriken usw. (jz13)

            Wie groß war nun dieser Finanzierungsbedarf des einfachen Güterumschlages? Bestimmt nicht größer als vor dem Kriege, hatte sich doch der Gebietsumfang verkleinert und war dazu noch eine erhebliche Ratio­nalisierung der Lagerhaltung und der Verkehrsmittel eingetreten. Vor dem Kriege hatten aber etwa acht Milliar-den Mark in Deutschland (im Vergleich zu etwa 6 Milliarden in Frankreich) ausgereicht, um die­sen Umsatz zu finanzieren. Nach dem Kriege konnte der Güterumschlag also kaum einen höheren Gesamtkredit, als (unter Berücksichtigung der Geldentwertung) von 10 Milliarden R M, zu-

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lassen, wovon etwa 5 Milliarden auf die Großbanken entfallen konnten. Alles, was darüber hinausging, mußte also illiquide angelegt sein.

            Nachweis der lange vorhandenen Illiquidität. — Schon aus diesem Indizienbeweis, zu dem man ge-zwungen ist, weil es direkte Ziffern über die Zusammensetzung der Debitoren nicht gibt, ergibt sich also, daß die Hälfte der Großbankkredite und auch die Hälfte der als kurzfristige Vor­schüsse in den Bilanzen der übrigen Kreditanstalten aufgeführten Kredite, zusammen über 10 Mil­liarden RM., in illiquiden, wesentlich langfristigen Industrieanlagen festge­legt sein mußten. Diese Berechnung hat inzwi­schen eine ebenso völlige wie traurige Rechtfertigung durch die Tatsachen erfahren.

            Unterentwicklung des Effektenwesens als Spiegelbild der Überentwieklung des Depositenwesens. — Die langfristige Festlegung täglich fälliger Depositen geschah auf Kosten der­jenigen Finanzierungsmittel, de-nen eigentlich die langfristige Finanzierung allein zukommt. Das Institut für Konjunkturforschung (2. Beilage zum Wochenbericht vom 23. September 1931) hat darüber eindrucksvolle Ziffern veröffentlicht. Während die Gesamtverschuldung in Deutschland 1913  117,5 Milliarden M. betrug, von denen 99,9 langfristig und nur 17,6 Milliarden kurzfristi­ger Natur waren, standen 1930  58,6 Milliarden Reichsmark Langkrediten nicht weniger als 31,2 Mil­liarden Kurzkredite gegenüber. Das Verhältnis der kurzfristigen Kredite zu den lang­fristigen ist also von 17 % auf über 54 % gestiegen. Die gewaltige Überentwicklung des De-

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positenwesens, die sich darin unwiderleglich offen­bart, findet ihre Parallele in der Unterentwicklung des Effektenwesens, indem die Effektenfinan­zierung von 85 % der Gesamtfinanzie­rung auf etwa 65 % zurück-gegangen ist. Eines schlagenderen Beweises für die Mängel unse­res heutigen Depositensystems bedarf es nicht; wir werden daher nicht davon ablassen, die so oft übersehene fundamentale Veränderung unseres Kredit­wesens im Vergleich zur Vorkriegszeit zu der zweiten Grundlage unserer Kritik zu machen.

            Das deutsche Bankwesen als verkapp­tes Hypothekenbanksystem. — Das deutsche Bankwesen ist also, von der Öffentlichkeit unbemerkt, im Verlaufe der letzten fünf Jahre zu einem ver­kappten Hypothekenbank-system geworden. Was wir seit Jahren in Polen und in den Balkanstaaten mit Erstaunen und Entsetzen beob-achten konnten, was ich schon 1930 als warnendes Beispiel aufgezeigt hatte, ist nun auch in Deutschland zur Tatsache ge­worden:

"Ein drastisches Beispiel von der Wichtig­keit des Umsatzkredits liefern die gegenwärtigen Zu­stände in Polen. Hier ist es immer noch gang und gäbe, mit Wechseln bis herunter zu zwei Zloty (etwa 1,50 M.) im Detailhandel zu zahlen. Die Zinssätze für Wechseldiskont betragen 24 bis 48 %, da die Bank Polski mit illiquidem Wechselmaterial übersättigt ist. Sie kann kaum noch diskontieren, weil sie ihre ge­samten Mittel für Prolongationen braucht. Lohngel­der sind schwer erhältlich, der reibungslose Aus­tausch der Güter vermittels des Geldes ist stellenweise zur Unmöglichkeit geworden. Hier ist das Ex­trem erreicht: Die Notenbank ist sozu­sagen zur Hypothekenbank geworden,

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die langfristig ausgeliehen hat; es fehlt also eine eigentliche Notenbank im schottischen Sinne, die den Austausch organisieren könnte 1)."

            Wenn die Depositengroßbanken eine Art verkapp­ter Hypothekenbanken geworden sind, indem sie vor­wiegend langfristige Kredite verwalten, so treiben sie zugleich eine Art unlauteren Wettbewerbs gegen die eigentlichen Hypothekenbanken. Sie wollen die Vor­teile des langfristigen Kredits einheimsen, ohne sich der Lasten dieses Geschäfts zu unterziehen, ohne sich all den Beschränkungen zu unterwerfen, die etwa das Hypothekenbankgesetz für langfristige Kreditgewährungen vorgeschrieben hat: Fristengleichheit zwischen Aktiv- und Passivgeschäft, Mittelbeschaffung durch unkündbare Pfand­briefe, nicht aber durch jederzeit fällige Depo­siten usw. —

            Restriktive Folgen des Systems der un­erfüllbaren Verträge. — Diese langfristige Be­tätigung der deutschen Großbanken (wiewohl in der Rechtsform kurzfristiger Vorschüsse) hat einem Sy­stem der Vertrags-brüche Tür und Tor geöffnet, indem man im Notfall niemals erfüllen konnte. Rechts­formen und Anstalten (eben das Effektenwesen und die Pfandbriefinstitute) standen zur Verfügung, die dasselbe langfristige Geschäft in voller Vertragstreue bis heute verwalten konnten, weil sie nie mehr ver­sprochen haben, als sie halten konn-ten: Wohl laufende Zinszahlung, aber Rückzah­lung erst bei Fälligkeit. Aber sie wurden viel zu wenig benutzt. (jz14)

            Die unhaltbare und verlustbringende

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1)      Vgl. meine (Arbeit? Oder: Mein Buch? – J.Z.) "Arbeitslosigkeit und Kapitalbildung, zugleich ein bankpolitisches Programm...", S. 144.

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Situation, in die dieses "verkappte Hypotheken­banksystem" geraten ist, hat aber noch viel weiter­gehende Folgen: Sie zwingt die Banken, sich fast ausschließlich mit ihren alten Krediten zu beschäf­tigen. Die Bank-direktoren sind durch soviel Sorgen vor Verlust und Regreß mit diesen alten Posten ver­bunden, müssen fort-gesetzt mit ihren Schuldnern kon­ferieren, eilen von einer Sitzung zur Rettung des Kre­dits A in weitere Sitzungen zur Rettung der Kredite B, C, D usw., daß ihnen für neue Geschäfte weder Zeit noch Neigung verbleibt.

            "Sie sind daher bemüht, alle neuen Geschäfte, und seien sie auch noch so gesund, zu vermeiden; ebenso wie ein Kranker nicht gewillt ist, Spaziergänge zu machen. Die normale Funktion der täglich neuen Kre­ditgewährung zu Zwecken des täglich laufenden Güterumsatzes der Wirtschaft wird daher nur unzulänglich oder gar nicht wahrgenommen. Es fehlt also eigentlich ein Umsatzkredit- und Notenbanksystem, das immer neben dem Hypothekenbank­system vorhanden sein muß. Dieser Mangel dokumentiert sich heute durch die überhöhten Zins­sätze, die zu der wirklichen Rentabilität der Wirt­schaft in keinem Verhältnis stehen 1) 2)."

            Versuche, die irrtümliche Bankpolitik als normales und richtiges System hin-

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1)      Vgl. meinen Aufsatz "Wege der deutschen Wirtschafts­politik", in der Europ. Revue, November 1931.

2)      Man beachte auch die überaus bedenkliche Ziffer: Sen­kung der Großbank-Kreditoren von fast 12 auf 7 ½ Milliarden im Jahre 1931, die beweist, daß der echte Umsatzkredit heute sehr vernachlässigt wird, denn er allein konnte eingeschränkt bzw. auf die Reichsbank übertragen werden, während die illi­quiden Ausleihungen unverminderbar sind (die Debitoren blieben gleichzeitig fast unverändert). Vgl. auch S. 154. Die Großbanken sind also auch danach weitgehend Trusts geworden.

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zustellen. — Die Ungesundheit dieses Zustandes einzugestehen, würde ein hohes Mass von Selbst­erkenntnis und Bekennermut auf seiten Derer vor­aussetzen, die diese Lage herbeigeführt haben. Da dieser Mut fehlt und man nicht gewillt ist, die per­sönlichen Konsequenzen zu ziehen, hat man nicht ohne Erfolg versucht, diese verfehlte Bank­politik als richtig, normal und selbst­verständlich hinzustellen und diejenigen als Utopisten zu bezeichnen, die eine andere Führung der Bankgeschäfte überhaupt für möglich, geschweige denn für notwendig erklären. Diese von Interessenten warm unterstützte bankpolitische Irrlehre tritt in einer extremen und in einer maßvollen Fassung auf; wir werden uns darauf beschränken, die maßvolle Fassung an Hand des Berichts der National City Bank of New York vom November 1931 kurz zu streifen. Diese zweitgrößte Bank der Welt gibt er­freulicherweise die tiefgreifende Veränderung im Bankgeschäft schon in der Überschrift zu: "Changed Trends in Banking" (S. 167). Wir lesen da:

"Von besonderer Bedeutung ist in den letzten Jahren die Tendenz des Bankkredits gewesen, die Form von Krediten und Effektenanlagen anzunehmen, die nicht rediskontierbar sind. ... Der Prozentsatz des rediskontfähigen Wechselmaterials im Verhältnis zu den gesamten Aktiven bei den National-Banken ist vom 30. Juni 1923 bis zum 30. Juni 1931 von 16,5 auf 7,8 % gefallen ... Die Veränderun­gen in den Effektenanlagen waren ähnlich fern von Liquidität ..."

Nun folgt aber der Versuch, diese Politik zu verteidigen:

"Zum grossen Teile stand es nicht in der Macht der Banken, diese Verminderung des rediskontfähigen Materials zu verhindern (has been outside of their control). Die

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verfügbare Menge solcher sich selbst liquidierenden Wechsel, die auf Warenumsätzen beruhen, sank in dem Maße, wie die Firmen mehr zur Finanzierung durch Obligationenausgabe übergingen und damit Bankkredite zurückzahlten, und sank weiter in Ver­folg der Depression. ... Aus solchen Gründen bilden die letzten Jahre eine Periode sinkender Liquidität. ... Unzweifelhaft war der einzige Grund, warum die Provinzbanken nichts gegen diese Lage getan haben, der, daß sie nichts tun konnten, denn der Preissturz der Baumwolle auf 5 Cts. und des Weizens auf 30 Cts. war ein unlösbares Problem für sie. ... So besteht an vielen Plätzen ein eingefrorener Zustand des Bankkredits, womit lediglich (!) gesagt sein soll, daß ein übergroßer Teil ihrer an sich gesunden Aktiven nicht über Nacht in Kasse verwan­delt werden kann. ... Die Schwäche der Situation infolge des Mangels an Liquidität ist be­sonders offenkundig geworden durch die Unfähigkeit auch der solventen Banken, gesunde Kreditnachfrage ausreichend zu befriedigen, da sie sich auf ihre Aktiva nicht genügend flüssige Mittel beschaffen konnten, und durch die Effektenverkäufe der Banken, die zu immer weiteren Entwertungen und Verlusten führten..."

            Kritik dieser Irrlehren. — Hiergegen ist zu sagen, daß eine richtig geleitete Bank in dem Augen­blick, in dem sie selbstliquidierende Anlagen in Um­satzvorschüssen nicht mehr finden kann, ihren Ein­legern erklären muß, daß sie keine liquide Verwen­dung mehr für Gelder hat. Sie tut das, indem sie ihren Depositenzinssatz soweit herabsetzt, bis der Zu­strom weiterer Depositen unterbleibt. Sie macht dann scheinbar den "gewaltigen Aufschwung" nicht mit,

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den die falsch geleiteten Banken um sie herum er­leben, aber sie bleibt inmitten der folgenden Krise gesund und erwirbt ein Vertrauen durch ihre Vor­sicht, dessen Vorteile diese scheinbaren Nachteile weit überwiegen werden.

Man wird mir entgegen­halten, daß damit das Problem ja nicht gelöst sei, in­dem diese Gelder doch irgendwie Anlage finden müs­sen. Das ist richtig; die Deponenten der Banken wer­den sich dann eben zu entscheiden haben, ob sie ihr Geld zinslos bei der Bank stehen lassen wollen, oder ob sie Effekten kaufen, auf die jeder-zeitige Abruf­barkeit also verzichten, dafür aber eine gute Verzin­sung haben wollen.

Die Erfahrung hat gezeigt, daß sie für alle entbehrlichen Beträge den letzteren Weg vorziehen werden. Volkswirtschaftlich bleibt dann alles beim alten, nur kaufen nicht die Banken die Effekten 1), sondern die Bankkunden; oder für deutsche Verhältnisse abgewandelt: es sind nicht die Banken, die industrielle Anlage-Kapitalien aus kurzfristigen Mitteln finanzieren, sondern es ist das breite Publikum, das diese Kapita­lien durch seinen unmittelbaren Wert­papierbesitz  finanziert. (jz15)

            Das Rückversicherungsprinzip im Bank­wesen. — Die Folgen dieser andern Bankpolitik sind sehr weitreichende: Der direkte Effektenbesitz der Bankkunden bedeutet dasselbe für die Banken, was die Rück-versicherung für das Versicherungsgewerbe bedeutet 2): Alle großen Delkredere- und Liquiditäts-

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1)      Die Mittel der amerikanischen Banken sind zu 67 % in Effekten und Effektenbeleihungen festgelegt, vgl. op. cit. S. 135.

2)      Vgl. mein demnächst erscheinendes Buch "Bankpolitik", Jena, Gustav Fischer.(J.Z.: Erschien dieses Buch wirklich damals noch oder erst nach dem 2. Weltkriege? – J.Z., 28.6.05.)

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Risiken, die für Banken und Versicherungsgesellschaften gleichermaßen untragbar sind, werden den Kunden direkt aufgeladen; keine unerfüllbaren